Angewandte Linguistik für Sprachberufe

Die Bühne unserer Sprachberufe nutzen

Back Stage – Blick hinter die Kulissen

 

Aufgabe 1: Tarzan-Experiment [10']

Was wir in der Welt immer wieder wahrnehmen, speichern wir also als Konzept im Kopf. Umgekehrt können einmal gebildete Konzepte beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen und verstehen. Dazu finden Sie hier das Tarzan-Experiment: https://www.youtube.com/watch?v=lgiaiEffdiU&t=346s

Schauen Sie sich das Video an, das am Max-Planck-Institut in Nijmegen aufgezeichnet wurde. Es zeigt das Tarzan-Experiment. Fassen Sie in fünf bis zehn Sätzen zusammen, wie das Experiment abläuft und welche Vermutung es stützt.

  • Je eine Gruppe von Versuchspersonen aus Deutschland, Japan und den USA sehen sich eine Filmszene an, in der sich Tarzan an einer Liane von Ast zu Ast schwingt.

Danach werden die Versuchspersonen einzeln befragt, was sie gesehen haben. Während sie stehend und gestikulierend ihre Erinnerungen schildern, wird aufgezeichnet, was sie sagen und welche Gesten sie dabei benutzen.

Die Versuchspersonen aus Deutschland und den USA benutzen das Verb schwingen und zeichnen eine runde Geste in die Luft. Die Versuchspersonen aus Japan dagegen sprechen von ducken und springen und zeichnen eine eckige Geste in die Luft.
Als Grund für diesen Unterschied vermuten die Forschenden die Tatsache, dass das Japanische kein Verb kennt für Schwingen als Körperbewegung. Menschen, die Japanisch als Erstsprache sprechen, würden diese Bewegung deshalb zerlegen in zwei Komponenten, für die das Japanische über Begriffe und also auch über Konzepte verfügt.

 

Aufgabe 2: Mehrdeutig [5']

Idealerweise hält eine Sprache für jedes Konzept einen eigenen Begriff bereit. Das ist aber nicht immer so. Dazu finden Sie hier die Übung Mehrdeutig.

  • Welche Konzepte kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an den Begriff Blüte denken?
  • Können Sie auch bei den Begriffen Hund, Laute und Office mehrere Konzepte abrufen?
  • Welche weiteren Begriffe kennen Sie, die sich auf unterschiedliche Konzepte beziehen?

  • Eine Blüte kann ein Teil einer Blume sein, aber auch ein unerlaubt nachgedruckter Geldschein oder aber der Höhepunkt einer Entwicklung oder Epoche, etwa in die Blüte der Renaissance.
  • Es gibt auch den Grubenhund, den kleinen Wagen, der im Bergbau durch die Stollen geschoben wird; die Laute als Musikinstrument ergänzt die Laute als den Plural von der Laut; im Office des Restaurants wird abgewaschen und Kaffee gekocht.
  • Verbreitet sind Metaphern, also Bedeutungsübertragungen, von Körperteilen auf Artefakte, etwa die Nase als vorderster Teil eines Flugzeugs.

 

Aufgabe 3: Pies [10']

Innerhalb einer Sprachgemeinschaft nutzen alle Menschen, vereinfacht gesagt, die gleichen Wörter für die gleichen Dinge – sie bezeichnen also die gleichen Konzepte mit den gleichen Begriffen. Zur Sprachgemeinschaft gehört, wer diese Begriffe kennt und gleich oder ähnlich verwendet wie die anderen Mitglieder der Sprachgemeinschaft. Eine bestimmte Laut- oder Buchstabenfolge löst also im Kopf aller Mitglieder einer Sprachgemeinschaft eine ähnliche Vorstellung aus. Die gleiche Laut- oder Buchstabenfolge kann aber für Mitglieder einer anderen Sprachgemeinschaft etwas ganz anderes bedeuten. Dazu jetzt die Übung Pies.

  • Das polnische pies und das französische pièce klingen gesprochen genau gleich. Was bedeuten die beiden Wörter in je ihren Sprachen?
  • Das geschriebene Wort pies gibt es im Polnischen wie im Englischen. Warum spricht man hier von Homographen, während man bei pies und pièce von Homophonen spricht?
  • Wenn Sie kurz und prägnant übersetzen in short and pregnant, tappen Sie in die Falle falscher Freunde. Recherchieren Sie im Internet, warum diese Falle so heisst.

  • Pies, im Polnischen, bedeutet Hund. Pièce, im Französischen, bedeutet Stück oder Raum.
  • Homo-graph, griechisch, bedeutet gleich geschrieben; das gilt etwa für pies als polnisches Wort für Hund und englisches Wort für Kuchen, im Plural. Homo-phon bedeutet gleich klingend; das gilt etwa für das polnische pies und das französische pièce, beide gesprochen als pjɛs.
  • Falsche Freunde oder false friends heissen so, weil sie in zwei Sprachen ähnlich geschrieben und gesprochen werden, aber etwas anderes bedeuteten, wie eben zum Beispiel pregnant, englisch für schwanger, und dem deutschen Wort prägnant, das Äusserungen bezeichnet, die viel und Wichtiges bedeuten, aber kurz gefasst sind.

 

Aufgabe 4: Schlagwort [5']

Auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft können Konzepte unterschiedlich eingefärbt werden je nach Perspektive der Menschen und Gruppen, die sie verwenden. Mit anderen Worten: Konzepte und Begriffe sind kulturabhängig. Dazu die Übung Schlagwort.

  • Worin unterscheiden sich die Vorstellungen, die der Begriff Hund auslöst bei Menschen, die gerne Hunde züchten, und bei Menschen, die gerne joggen?
  • Wie kann sich das Konzept Radweg umfärben im Kopf einer Person, die grün wählt, mit einem geliehenen Kleinbus umzieht und zum fünften Mal in eine Critical-Mass-Demo gerät?
  • Mit welchen Leseweisen müssen Sie rechnen, wenn Sie in einem Medium, das eine breite Öffentlichkeit erreicht, die Redewendung vom rechten Weg abkommen benutzen?

  • Die Denotation, die Hauptbedeutung von Hund ist im Deutschen das Haustier, das vom Wolf abstammt. Die Konnotation, die Nebenbedeutungen, können sich bei allen Menschen unterscheiden, die dieses Wort nutzen. Jogger*innen können an ein kläffendes, beissendes Biest denken, Hundezüchter*innen dagegen an einen Freund oder eine Kapitalanlage.
  • Mit zunehmender Lebenserfahrung eines Menschen kann sich die Konnotation verändern, die ein Begriff evoziert – einfach gesagt: das Wort löst dann im Kopf etwas Anderes aus. Radweg kann etwa verstanden werden als ein sicherer Ort für ökologisch achtsame Verkehrsteilnehmende oder als Provokation gesetzeskonformer, arbeitsamer Steuerzahlender.
  • Die meisten Sprachbenützer*innen dürften bei der Redewendung vom rechten Weg abkommen eine Vorstellung aufbauen von beginnendem Übel: Jemand verlässt den Pfad der Tugend, und es tut ihm oder ihr und dem Umfeld nicht gut. Einige dürften die Wendung aber auch ironisch lesen: nicht mehr rechts-, sondern linkspolitisch denken und handeln.

 

Aufgabe 5: Ektisch [15']

Die Kurzgeschichte Ektisch von Franz Hohler erzählt von einer Kultur, die nur zwei Wörter kannte – was tragisch endete. Denn was wir nicht benennen können, können wir kaum denken. Wo der Begriff fehlt, fehlt oft auch das Konzept.

  • Lesen oder hören Sie die Kurzgeschichte Ektisch von Franz Hohler. Welche Parallelen sehen Sie zur politischen Wirklichkeit, in der Sie leben oder die Sie andernorts beobachten?

http://mikiwiki.org/wiki/Text_%22Ektisch%22_(Franz_Hohler)
https://www.youtube.com/watch?v=VZb0vHSTuT8

  • Listen Sie Begriffe auf, die Sie nur benutzen, wenn Sie über Ihr Hobby sprechen, zum Beispiel über Ihren Freizeitsport.
  • Nennen Sie ein paar Begriffe aus Ihrer künftigen Berufswelt, die Sie in der Praxis oder im Studium bereits kennen gelernt haben.

  • Was wir im Alltagswortschatz noch nicht benennen können, existiert in unserer Wahrnehmung nicht oder wird nur undeutlich wahrgenommen. Vor 2019 galt das im Westen etwa für Pandemie.
  • Zu solchen Fachbegriffen aus dem Freizeitsport zählen etwa Eskimo-Rolle beim Kajakfahren oder Doppelstockeinsatz beim Skifahren.
  • Falsche Freunde zum Beispiel kennen alle Übersetzer*innen, Medien-Clippings alle Fachleute der Organisationskommunikation, language attrition die Expert*innen in sprachlicher Integration.

 

Aufgabe 1: Abkürzung [5']

Weglassen, was sich die Adressaten und Adressantinnen selbst dazu denken können. So sparen wir Zeit und Wörter – und dies im Alltag wie im Beruf. Ein Beispiel aus der Berufswelt finden Sie in der Übung Abkürzung:

  • «Rechner abgestürzt, Datei nicht gesichert – es wird morgen, bis ich fertig bin» – Denken Sie sich eine Situation aus, in der diese SMS Sinn ergibt, und überlegen Sie, was alles zwischen den Zeilen steht.

  • Die Kollegin hätte den Text bis heute 17 Uhr fertig schreiben und Ihnen zustellen sollen. Statt einer E-Mail mit der Textdatei im Anhang erhalten Sie nun diese SMS – die, wie üblich, nur die Brückenpfeiler für die Kommunikation liefert. Die Brückenbogen müssen Sie selbst ergänzen, aus Ihrem Wissen über die Welt und den Kommunikationskontext. Stünden die Brückenbogen auch der SMS selbst, würde sie jeden Rahmen sprengen und klänge etwa so:

„Du, ich hatte Dir doch diesen Text bis heute um 17 Uhr versprochen. Und ich hätte diese Frist locker geschafft, wäre nicht vor einer Stunde mein Rechner abgestürzt. Erst nach dem Absturz merkte ich, dass ich die Datei nie gesichert hatte. Jetzt ist alles weg, und ich muss wieder ganz von vorne anfangen mit Schreiben. Du kannst Dir vorstellen, wie mich das ärgert. Ich lege mich ins Zeug, um morgen fertig zu werden; wann genau, weiß ich noch nicht.“

 

Aufgabe 2: Fall Tanker [10']

Dass wir beim Verstehen sofort Kohärenz herstellen, fällt uns selber auch gar nicht auf. Dazu der Fall Tanker:

  • Der gesprochene Text zu einer tatsächlich ausgestrahlten Kurznachricht am Fernsehen lautete:
    «50 km östlich der Küste Hongkongs ist ein weiteres Schiffsunglück im Gang. Der am Samstag in Brand geratene Tanker ist mit 20.000 Tonnen Flüssiggas beladen. An der Küste befindet sich ein Atomkraftwerk.»
    Die Bilder des Beitrags zeigten zuerst eine Landkarte mit dem Umriss von China, eingezeichnet die Stadt Hongkong und davor im Meer ein sehr grosser gezeichneter Tanker. Dann waren Luftaufnahmen zu sehen des echten Tankers, in Rauchschwaden gehüllt.
  • Überlegen Sie sich, welchen Film diese Wörter und Bilder im Kopfkino auslösen, wenn wir beim Verstehen Kohärenz herstellen und die Lücken zwischen dem Gesagten füllen mit Ausschnitten aus unserer Welterfahrung.

  • So etwa entwickelt sich der Film im Kopfkino, wenn wir, aus unserer Welterfahrung mit Gas und Explosionen, die Brückenbogen zwischen den Pfeilern ergänzen:

Direkt neben China brennt ein riesengroßer Tanker im Meer. Es raucht gewaltig. Da ist also Feuer – und Gas! Der Tanker hat ganz viel Flüssiggas geladen, das bekanntlich hochexplosiv ist. Dieses Gas wird nun sicher Feuer fangen und der Tanker explodieren – und dies so nah an einem Atomkraftwerk. Zweifellos droht nun eine Havarie und damit eine atomare Katastrophe.

 

Aufgabe 3: Eindeutig [10']

In der Kommunikation kommen Begriffe nie isoliert vor. Sie sind eingebettet in einen sprachlichen Rahmen und in eine Kommunikationssituation – also in einen Kotext und in einen Kontext. Diese Einbettung bewirkt, dass selbst mehrdeutige Begriffe in einem konkreten Verwendungszusammenhang oft eindeutig scheinen. Dazu die Übung Eindeutig:

  • Denken Sie sich zwei Situationen aus, in denen der Begriff Schwester unterschiedlich verstanden werden muss.
  • Machen Sie nun das Gleiche mit den Begriffen WAGEN und SINGEN. Worin besteht der grundsätzliche Unterschied dieser beiden Beispiele zum Begriff Schwester?
  • Finden Sie selbst je ein weiteres Beispiel des Typs Schwester und des Typs WAGEN. Betten Sie die Begriffe in Kotexte und Kontexte ein, in denen sie eindeutig sind.

  • Nehmen Sie das Gesundheitswesen oder ein Spital als Kontext, stellen Sie sich bei Schwester eine Krankenpflegerin vor im Kopfkino. Nehmen Sie dagegen ein Familienfest oder einen Erbstreit als Kontext, löst Schwester sicher die Vorstellung von Verwandtschaft aus.
  • Ein Wagen ist ein Gefährt, mit dem man durchaus etwas wagen kann. Im ersten Fall ist WAGEN ein Nomen, im zweiten ein Verb im Infinitiv. Das Gleiche gilt für die Ortsbezeichnung Singen und das Verb singen. Bei Schwester dagegen sind beide Formen Nomina.
  • Beispiele für Homonyme wie Schwester, also Wörter gleicher Schreibweise und Aussprache, aber unterschiedlicher Bedeutung: Der Arme (ein Mensch) kann seine Arme (ein Körperteil) nicht mehr spüren. Vor der Bank (Geldinstitut) steht eine Bank (Sitzgelegenheit).
  • Ein Beispiel für ein Begriffspaar nach dem Muster WAGEN oder SINGEN: Der Topfen als ein Milchprodukt und (um-)topfen als Tätigkeit, bei der eine Pflanze mit ihren Wurzeln in einen Topf versetzt wird, damit sie dort an- und weiterwachsen kann.

 

Aufgabe 4: Loftus-Experiment [15']

Erleben Sie im Loftus-Experiment, wie stark Framing das Verstehen und das Erinnern beeinflussen kann:

  • In einem bekannten und oft überprüften Experiment von Elizabeth Loftus und John Palmer (1974) sehen zuerst alle Versuchspersonen den gleichen Film: Zwei Autos stossen zusammen.
    https://www.youtube.com/watch?v=Rg5bBJQOL74
    Dann werden die Versuchspersonen in fünf Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe wird einzeln gefragt: «Wie schnell fuhren die Autos, als sie x?», wobei für x in jeder Gruppe ein anderes Verb steht: In Gruppe a ist es smashed, in Gruppe b collided, in Gruppe c bumped, in Gruppe d hit und in Gruppe e contacted.
    Das durchschnittliche Ergebnis der Schätzungen in jeder dieser Gruppen:
    a 65 km/h, b 62 km/h, c 61 km/h, d 54 km/h, e 50 km/h
  • Wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Erinnerung an ein und die gleiche Filmszene?
  • Falls Sie in wenig Zeit mehr erfahren wollen dazu, «How language shapes the way we think», gönnen Sie sich diesen TED-Talk von Lera Boroditsky:
    https://www.youtube.com/watch?v=RKK7wGAYP6k

  • Das Verb löst die Erinnerung an die Szene aus, aber weil wir beim Erinnern den Film im Kopfkino neu zusammensetzen, evoziert ein Verb, das nach härterem Zusammenstoß klingt, eine schnellere Bewegungsvorstellung im Kopf.
  • Jede Sprache, die wir sprechen, beeinflusst, wie wir denken.

 

Aufgabe 5: Fisch ist Fisch [10']

Wir bilden, wir konstruieren Kohärenz, indem wir die Lücken im Gelesenen oder Gehörten füllen mit Wissen aus dem eigenen Kopf. Deshalb bestimmt unsere Lebenserfahrung mit, wie wir ein Kommunikationsangebot verstehen. Dazu die Geschichte Fisch ist Fisch von Leo Leonni:

  • In der Geschichte Fisch ist Fisch erklärt der Art Director, Autor und Illustrator Leo Leonni den Konstruktivismus so, dass ihn, wörtlich, jedes Kind versteht.
    https://www.youtube.com/watch?v=IoI0v0yL7NM
  • Geniessen Sie die Geschichte – und erklären Sie dann, warum die Vögel wie Fische gezeichnet sind, bloss mit Flügeln, zwei Beinen und vielen bunten Farben.

  • Der Fisch hat immer nur im Teich gelebt und kennt nur fischartige Lebewesen. In seinem Weltwissen sieht alles, was lebt, wie ein Fisch aus. Wenn der Frosch nun Vögel schildert als „sie haben zwei Beine, zwei Flügel und viele, viele bunte Farben“, kann sich der Fisch diese Vögel gar nicht anders vorstellen denn als Fischkörper mit zwei Beinen, zwei Flügeln und vielen bunten Farben.

Natürlich greift die Geschichte etwas kurz. Wie soll sich der Fisch Flügel vorstellen, wenn er noch nie welche gesehen hat? – Aber das merken die Kinder nicht, wenn sie gebannt der Geschichte lauschen. Und Hand aufs Herz oder sonstwo hin: Haben Sie’s gemerkt?

 

Aufgabe 1: Sprechaktpaar [10']

Ein Gruss ist ein Sprechakt; ein Gegengruss auch. Man tut etwas, indem man Sprache nutzt: Man nimmt Kontakt auf zum Gegenüber. Gruss und Gegengruss bilden also ein Paar, sie kommen meist gemeinsam vor. Dieses paarweise Auftreten findet sich in unserer Kommunikation bei vielen Sprechakten. Dazu die Übung:

  • So, wie jeder Gruss nach einem Gegengruss ruft, ist auch ein Dank nur der erste Teil eines Sprechaktpaares. Welche Möglichkeiten kennen Sie, einen Dank zu erwidern?
  • Wovon hängt ab, welche dieser Möglichkeiten Sie tatsächlich nutzen, wenn Sie einen Dank erwidern?
  • Ein Niesen zieht je nach Kultur, in der Sie sich gerade bewegen, andere Sprechakte nach sich. Nennen Sie je ein übliches Muster für den deutschen und den englischen Sprachraum.

  • Übliche Praktiken der Erwiderung eines Dankes verdeutlichen die Freude am Schenken, ausgedrückt etwa als Danke! – Gern geschehen! Es gibt aber auch Praktiken, mit welchen die eigene Leistung herabgestuft wird: Milles mercis!De rien! Oder wie meine Großmutter den Dank für ihre Geschenke zu erwidern pflegte: „S isch numen es Nüüteli“, also es ist nur ein Nichts.
  • Starken Einfluss auf die gewählten Praktiken und sprachlichen Mittel kann haben, wie formell eine Situation erlebt wird. Der Chefin, die man noch kaum kennt, dankt man anders als dem Lebenspartner.
  • Im deutschen Sprachraum wünschen die anderen der Person, die geniest hat, Gesundheit; im englischen Sprachraum verbreitet ist die gegenteilige Praxis, nämlich dass sich die Person, die geniest hat, danach bei den Anwesenden entschuldigt.

 

Aufgabe 2: Am Anfang war das Wort [10']

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Sprache Kontakt aufzunehmen und in Beziehung zu anderen zu treten. Welche davon kennen Sie? Und welche nutzen Sie – in welcher Situation? Dazu die Übung Am Anfang war das Wort:

  • Treffen Sie beim Wandern oder Spazieren in der weiten Natur auf eine fremde Person, verhalten Sie sich kommunikativ anders als im Menschenmeer der Stadt. Wie nämlich?
  • Wie machen Sie sich bemerkbar, wenn Sie bezahlen möchten im Restaurant? Kennen Sie aus unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Muster?
  • Im Fitness möchten Sie in Kontakt treten zu einer Person, die Sie interessiert. Wie gehen Sie vor, was sagen Sie, und warum wählen Sie diesen Weg?
  • Was könnte aus Ihrer Sicht der Grund sein dafür, dass wir von einem ansprechenden Thema oder einer ansprechenden Person sprechen, obwohl hier gar nicht wirklich geredet wird?

  • In einsamer Natur pflegen viele Menschen auch Fremde zu grüßen, während eine solche Praktik in einer dicht bevölkerten Umgebung zum Dauergrüßen führen müsste.
  • Übliche Praktiken reichen vom dezenten Zeigen des Zahlungsmittels, etwa einer Kreditkarte oder Brieftasche, bis zum Ruf durch den Raum, man wolle zahlen.
  • Bewährt haben sich in solchen Situationen fachliche Bemerkungen, die auch als kompetente Komplimente deutbar sind, etwa Wow, deinen Lat-Zug sollten sich alle hier abschauen.
  • Die Metapher, griechisch meta-pher für übertragen, verdeutlicht, wie sehr das Angesprochen-Werden unsere Aufmerksamkeit weckt und Beziehung ermöglicht.

 

Aufgabe 3: Wortwirkung [20']

Von I have a dream bis Friday for future: Blicken Sie in der Übung Wortwirkung hinter Parolen, die die Welt verändert haben.

  • «I have a dream» – recherchieren Sie kurz im Internet, wie Martin Luther King zu diesem Mantra seiner Rede kam und was er damit bewirkte.
  • Parolen wie Yes we can oder Friday for future gehen um die Welt. Wofür stehen sie – und welche formalen Merkmale machen sie so eingängig?
  • Als das Regierungsoberhaupt eines kleinen Landes die USA besuchte, als deren Präsident damals Donald Trump galt, schrieb es ins Gästebuch des Weissen Hauses:
    «Thank you for your invitation to the Withe House. Together ahead!»
    Was macht diesen Sprechakt so komisch?

  • Einen leichten Einstieg ins Thema bietet dieser Artikel:
    https://www.srf.ch/kultur/im-fokus/der-archivar/i-have-a-dream-die-rede-die-ganz-anders-geplant-war
  • Beide Parolen stehen für den Willen, gemeinsam etwas zu verändern. Formal sind beide kurz und bündig; Yes we can besteht aus nur drei Silben, Friday for Future aus 2+1+2 Silben mit Stabreim. Und beide Parolen bestehen aus gewöhnlichen Wörtern, sagen dabei aber ungewöhnliche Dinge (nach Arthur Schopenhauer, 1851).
  • Die Komik ergibt sich für viele kritische Zeitgenoss*innen zum einen aus dem völligen Hinwegsetzen über den Größenunterschied zwischen den beiden beteiligten Ländern in together ahead, zum anderen durch den Rechtschreibfehler in Withe House, der dieses ahead in Frage zu stellen scheint, weil man annehmen würde, ein Staatsmann wisse sich auch auf einen solch komplexen Auftritt vorzubereiten.

 

Aufgabe 4: Der Zauberlehrling [20']

In der Ballade Der Zauberlehrling lässt Johann Wolfgang von Goethe einen Anfänger an der Magie der Sprache scheitern. Überlegen Sie, wann Sie das letzte Mal als Zauberlehrling unterwegs waren:

  • Lesen Sie die Ballade Der Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe, zum Beispiel hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling
  • Welche Rolle spielt die Sprache in der Ballade? Und welche Rolle spielt sie, wenn Sie jemanden mit Worten verführen oder etwas heraufbeschwören?
  • Stellen Sie sich eine Szene vor, in die der Satz Ich wünschte, ich hätte es nie gesagt passt. Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn «es» tatsächlich nie gesagt worden wäre?
  • Und umgekehrt: Wann haben Sie zum letzten Mal gelogen? Warum dies? Was hätte in dieser Situation die reine Wahrheit anrichten können?

  • Mit Sprache wird gezaubert, es werden Taten angestrebt und schließlich geschaffen – die Perlokution entspricht der Illokution. Dies allerdings nur unvollständig und kurzfristig, wenn die Worte fehlen, wieder zu stoppen, wenn es einem zu viel wird.
  • Bei jeder hier denkbaren Geschichte haben Wörter Wirklichkeit verändert – und zwar so, wie es nicht der Illokution entsprach. Hätte man geschwiegen statt geredet, so vermutet man dann, hätte die kleine Welt einen anderen Lauf genommen.
  • Lügen kann einen – sicher kurzfristig – vor Sprachwirkungen bewahren, die man vermeiden will. Die Wahrheit dagegen, vermutet man in solchen Situationen, würde genau diese Wirkungen auslösen oder begünstigen.

 

Aufgabe 5: Pajero&co. [10']

Die Perlokution einer Sprachhandlung kann beträchtlich von der Illokution abweichen. Zeigen Sie am Beispiel unglücklich gewählter Produktenamen, woran das liegen mag. Die Übung dazu heisst Pajero&co.:

  • «Das sind die peinlichsten Autonamen» – Lesen Sie diesen Artikel und überlegen Sie, wie eine Organisation vorgehen kann, um solche sprachlichen Totalschäden zu vermeiden.

https://www.t-online.de/auto/recht-und-verkehr/id_83122714/-wichser-pimmel-das-sind-die-peinlichsten-autonamen.html

  • Produktenamen in einer globalisierten Welt sollten in möglichst vielen Sprachen positive Vorstellung auslösen und in möglichst keiner negative. Es gibt Beratungsunternehmen, die sich darauf ausgerichtet haben, solche Namen zu entwickeln. Sie finden zuerst gute Wortkandidatinnen, also solche, die in Sprachen mit weltweit hohem Prestige so klingen und verstanden werden, dass es zum gewünschten Produktbild passt. Dann überprüfen sie diese Wortkandidaten in möglichst vielen Sprachräumen der geplanten Absatzmärkte auf unerwünschte Denotationen und Konnotationen, also Haupt- und Nebenbedeutungen.

Aufgabe 1: Anders gesagt [10']

In der Übung Anders gesagt trainieren Sie, von der Varietät auf die Sprachgemeinschaft zu schliessen.

  • Wo erwarten Sie eine Äusserung wie Das gereicht uns zum Guten? Und wo Zentrieren Sie Ihre Schulterblätter, bevor Sie die Rotatoren-Manschette belasten?
  • Überlegen Sie, warum es so selten gelingt, in Werbetexten die Jugendsprache etwa von 16-Jährigen so zu sprechen, dass sich die Zielgruppe angesprochen fühlt.
  • Welche Funktionen erfüllen die Varietäten aus den ersten beiden Punkten in ihren jeweiligen Umgebungen? Was ginge beim Übersetzen in übliche Umgangssprache verloren?

  • Das gereicht uns zum Guten kann aus einem sehr formellen Kontext stammen, wo der Sprachgebrauch anzeigen soll, dass man Tradition und Stil pflegt. Die Wendung ist sozusagen Frack und Zylinder in Worten. Zentrieren Sie Ihre Schulterblätter … deutet auf Kontexte wie Fitnesstraining oder Physiotherapie.
  • Jugendsprache verändert sich sehr schnell. Wer fünf Jahre älter ist und Werbetexte schreibt, schreibt meist so, wie man vor fünf Jahren in der Szene sprach und schrieb. Wenn, müssen die Texte von Menschen verfasst sein, die jetzt tatsächlich in der Szene leben. Dazu kommt aber, dass die Textsorte Werbetext schon eine Übersetzung aus der Szene in einen formalen Rahmen bedingt. Dieses Problem umgehen Influencer*innen, die aus der Szene für die Szene bloggen, scheinbar aus Freude, ihr Leben in ihrer Sprache mit Peers zu teilen.
  • All diese Varietäten stellen Nähe zur Domäne oder Szene her, in der sie gesprochen werden, etwa Fitness oder Jugendszene. Beim Übersetzen in Umgangssprache geht dieses Gefühl verloren, über die Sprache dazuzugehören.

 

Aufgabe 2: Dialäkt Äpp [20']

Unsere Sprache zeigt nicht nur, wer wir sind, sondern auch, woher wir kommen. Für schweizerdeutsche Dialekte, also für die regional bestimmten Varietäten der Deutschschweiz, hilft Ihnen dabei die Dialäkt Äpp.

  • Wer die App nutzen will, wählt bei zehn vorgegebenen Wörtern unter jeweils einer überschaubaren Anzahl vorgegebener Varianten aus, wie sie oder er dieses Wort spricht im eigenen Dialekt. Diese Angaben reichen der App aus, um auf wenige Kilometer genau zu bestimmen, wo in der Schweiz man aufgewachsen ist – vorausgesetzt, man mischt die Dialekte nicht beim Sprechen.
  • In der Beschreibung der Dialäkt-Äpp erfahren Sie Wesentliches dazu, was es aus sprachwissenschaftlicher Sicht bedeutet, wenn das Ergebnis der App zutrifft oder eben nicht:
    https://apps.apple.com/de/app/dialäkt-äpp/id606559705

 

Aufgabe 3: Repertoire [10']

In welchen Kulturen bewegen Sie sich? Und welche sprachlichen Praktiken sind dort üblich? Mit anderen Worten: Wie spiegelt sich Ihre Welterfahrung in ihrem sprachlichen Repertoire?  – Als künftige Sprachprofis schauen Sie hier auf Ihr bisheriges Repertoire von Begrüssungsformen und Sprachstilen:

  • Wie begrüssen Sie Ihre Partnerin, Ihren Partner? Ihre Geschwister, Eltern und Grosseltern? Ihre Sportskollegen und Sportskolleginnen? Ihre Mitstudierenden? Die Kollegen und Kolleginnen am Arbeitsplatz?
  • Duzen Sie Ihre Nachbarn? Wenn ja, welche, und warum? Mit wem sind oder waren Sie am Arbeitsplatz per Sie? Und warum das?
  • Welche Unterschiede in Stil, Grammatik und Rechtschreibung fallen Ihnen selbst auf, wenn Sie an Ihre Briefe, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten und Tweets denken?

  • Je persönlicher eine Beziehung, desto informeller und individueller kann der Sprachgebrauch sein. Wer sich persönlich sehr gut kennt, kann sich auch mit Blicken und Berührungen begrüßen. In formellen Beziehungen dagegen, etwa an einem neuen Arbeitsplatz, prüfen viele Menschen, wie man einander hier begrüßt, und übernehmen dann diese sozial eingeschliffene Norm, um dazuzugehören.
  • Duzen im Deutschen dokumentiert und suggeriert eine gewissen informelle Nähe, sozusagen das Unkomplizierte.
  • Je kommunikationsgewandter Sie sind, desto stärker werden Sie Ihren Stil dem Kontext anpassen – oder ganz bewusst dagegensteuern, um aufzufallen. Beides bedingt ein breites Repertoire an Varietäten und die Kompetenz, jeweils die passende Varietät auszuwählen.

 

Aufgabe 4: I ha gnue [15']

Die beiden Schweizer Dialekte Zürichdeutsch und Berndeutsch klingen für die Musikerin Dodo Hug nach unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichem Lebensgefühl: der eine Dialekt geschäftig, der andere gemütlich. Welcher Dialekt steht in ihrem Lied I ha gnue wofür?

  • Zürichdeutsch steht für Stress, Berndeutsch für Entspannung.
  • Das Zürichdeutsch spricht sie höher, schneller, kantiger; das Berndeutsch tiefer, langsamer, runder.

 

Aufgabe 5: Stilsicher [10']

Zeigen Sie kommunikative Kompetenz. In der Übung Stilsicher wählen Sie den Ausdruck, der für Sie im Stil am besten passt, und begründen Ihre Wahl:

  • Mir graut vor … – was schliesst hier stilistisch nahtlos an:
    dieser Panne | diesem Ungemach | diesen Problemchen | diesem Berg Arbeit
  • Hallo Lea! – Ein Text, der mit dieser Anrede beginnt, schliesst am besten mit:
    Herzlichst | Herzlichen Gruss| Bis bald | Cheers
  • In einen Text, der das Phänomen der Resilienz beschreibt, passt auch der Begriff der
    Inkompetenzkompensationskompetenz | Zoom Fatigue | starken Deklination
  • Warum sind diese drei Aufgaben in einem Lehrmittel, das von wissenschaftlich erzeugtem Wissen ausgeht, nicht ganz unproblematisch?

  • Zwei Varianten: diesem Ungemach passt, weil es ebenfalls alt, gewählt und gesetzt klingt; diesem Berg Arbeit kommt hin, weil das Ganze zusammen leicht ironisch wirkt. Der Berg muss wirklich hoch sein, wenn einem davor graut. Das sind persönliche Einschätzungen und Begründungen. In bestimmten Kommunikaitonskontexten kann jede dieser Varianten als passend begründet werden.
  • Auch hier: persönliches Stilempfinden. Nach dem deutschen informellen Hallo passt für mich Bis bald. Die Herzvarianten klingen zu förmlich, Cheers zu englisch. Was mit  Cheers aufhört, könnte mit Hi Lea beginnen, damits passt.
  • Die Zoom Fatigue stammt aus der gleichen Sprache, der Fachsprache einer Psychologie, die mit Laien kommuniziert. Das gilt zwar für das superlange Kompetenzwort auch, aber hier ist das Thema ein anderes. Die starke Deklination stammt aus einer anderen Fachsprache, Linguistik.
  • Weil bei allen drei Aufgaben, vor allem aber den ersten beiden, individuelles, persönliches Stilempfinden mitschwingen. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich für praktisch jeden Fall ein Kontext finden, in dem genau diese Äußerung von vermutlich vielen Sprecher*innen als angemessen eingestuft würde.

 

Aufgabe 1: Sprechwerkzeug [20']

Warum bloss dieser Absatz zum Körpertraining, in einem Lehrmittel zu Angewandter Linguistik im Beruf? – Sprachgebrauch setzt den Körper voraus, Kommunikation ist Ganzkörpereinsatz. Tippen am Computer etwa bedingt bewegliche Finger, Hände, und Arme und einen Körper, der so sitzen und sich zwischendurch bewegen kann, dass er sich nicht verspannt. Ohne geschickte Körperführung, die wir allerdings oft unbewusst steuern, schaffen wir diese extrem einseitige Tätigkeit lange, ohne krank zu werden. Und beim Sprechen? Wie ist es da? Dazu die Übung Sprechwerkzeug.

  • Bei Susi vibriert der Kehlkopf, bei Wasser nicht. Sie fühlen das deutlicher, wenn Sie die S künstlich lang sprechen: SSSSSSusssssi, Wassssssser.
  • Auch der Stimmtrakt ist Teil des Körpers. Steigt die allgemeine Körperspannung, sind auch die Organe angespannter, die wir brauchen, um Luftdruck aufzubauen und Laute zu bilden.
  • Berufliches Sprechen bedingt eine gute körperliche Verfassung und wird ähnlich geübt wie Bewegungsmuster im Sport.

 

Aufgabe 2: Holzschnitt [10']

Alltagstheorien haben aber auch ihre Grenzen. Vergessen wir nicht: Reden ist Schweigen, Silber ist Gold (oder so ähnlich). – Überlegen Sie in der Übung Holzschnitt, warum Alltagstheorien zwar helfen können, aber nicht immer ausreichen für erfolgreiche berufliche Kommunikation.

  • Gelernt ist gelernt. – Suchen Sie ein Beispiel für berufliches Übersetzen, bei dem diese Alltagstheorie aus Ihrer Sicht zutrifft, und eines, bei dem sie zu kurz greift.
  • Zu viel ist zu viel. – Finden Sie ein Beispiel aus Ihrer Erfahrung mit Journalismus oder Organisationskommunikation, wo diese Alltagstheorie nicht zutrifft?
  • Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. – Sie begleiten Migrantinnen und Migranten dabei, Deutsch als Fremdsprache lebensnah zu lernen. Finden Sie ein Beispiel, das ihnen zeigt, wann reden Gold ist.

  • Wer einmal verstanden, dass gute Übersetzungen profundes Wissen aus beiden Sprachkulturen bedingt, wird beim Übersetzen immer auf den kulturellen Kontext achten. Die Hilfsmittel für berufliches Übersetzen dagegen entwickeln sich rasch weiter, was ständiges Weiterlernen erfordert. Dies gilt auch für die sprachlichen Praktiken in Ausgangs- und Zielkultur. Auch sie ändern sich, und auch da will auf dem Laufenden bleiben, wer professionell übersetzt.
  • Man kann zwar zu viel Zeit verwenden, um zu überprüfen, ob ein Text richtig und angemessen ist – aber das Ergebnis dieser Arbeit, der fertige Text, kann in den üblichen denkbaren Kontexten von Journalismus oder Organisationskommunikation kaum zu richtig und zu angemessen sein. Ein Gegenbeispiel wäre die gezielte Provokation, wo eine Journalistin oder ein Kommunikator Normen und Erwartungen bewusst verletzen wollen.
  • Vor Gericht oder in medizinichen Kontrollen etwa kann es für Migrant*innen von Vorteil sein, Sachverhalte auch dann zur Sprache zu bringen, wenn dadurch in der eigenen Kultur Tabus verletzt würden. Denn: Sind diese Tabus hier nicht bekannt, kommt die Gegenseite im Gespräch nicht von selbst auf die Idee, dass an diesem Ort noch etwas sein könnte, an das man sich nun andeutungsweise herantasten muss im Gespräch.

 

Aufgabe 3: Wegweiser [15']

Sich orientieren in Strassendschungel einer Stadt – da ist Schauen aus Distanz besonders gefragt. In unterschiedlichen Kulturen haben sich unterschiedliche Theorien herausgebildet, wie das am besten gelingt. Diese Theorien beeinflussen das Verhalten der Menschen im Alltag, wenn sie einander erklären, wo es lang geht. Finden Sie die Unterschiede im Fall Wegweiser.

  • In Japan werden Adressen anders beschrieben als in weiten Teilen Westeuropas. Das hat Auswirkungen etwa darauf, wie die Menschen in diesen Kulturen durch Städte navigieren und einander den Weg beschreiben. Die geografische Alltagstheorie bestimmt das Verhalten.
    https://youtu.be/q1zh49J5rsg
    Überlegen Sie, was das mit der Sentenz tun hat, die zum Schluss des Videos erwähnt wird: «Whatever true thing you can say about India, the opposite is also true».

  • Es kommt auf die kulturelle Brille an, mit der man einen Gegenstand betrachtet und dadurch im Kopf konstruiert. Ein und dieselbe Sache in der Welt an sich ist in der Welt für dich nicht das Gleiche wie in der Welt für mich. Das zeigt sich zum Beispiel eben in unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen, die Architektur von Städten zu verstehen, durch Städte zu navigieren und sich über diese Navigation mit anderen auszutauschen.

 

Aufgabe 4: Desserts [10']

Unbewusst überprüfen wir unsere Alltagstheorien ständig, indem wir daraus Hypothesen für unser Handeln ableiten. Das hilft uns, angemessene Erwartungen an die Zukunft aufzubauen und uns in der Gegenwart angemessen zu verhalten. Verhält sich die Welt dann einmal deutlich anders, als wir es aufgrund der Alltagstheorie der abgeleiteten Hypothesen erwartet hätten, sind wir erstaunt bis überfordert. Damit spielt der Kurzfilm Desserts von Jeff Stark. Gönnen Sie sich den Schock einer völlig überraschend widerlegten Hypothese:

  • Schauen Sie sich den Kurzfilm Desserts von Jeff Stark an, zuerst nur den Vorspann und den Anfang, bis Zeitpunkt 1:36:
    https://www.youtube.com/watch?v=H18ljZBm5uU
  • Welche Erwartung bauen Sie auf, welche Hypothesen zu Fortsetzung und Ende des Films laden Sie, unbewusst, im Kopfkino?
  • Dann schauen Sie den Film zu Ende. Zu welchem Zeitpunkt bricht der Film Ihre Erwartung? Und wie lässt er Sie zurück?
  • Mit etwas Abstand zum Schock: Welche Hypothesen zum Zusammenhang von Mensch und Natur kommen Ihnen in den Sinn?
  • Sind diese Hypothesen übertragbar auf den Zusammenhang von menschlichem Tun und Natur in grösserem Rahmen?

  • Alle möglichen, aber kaum die, dass hier die Erfahrung von Mensch angelt Fisch ins Gegenteil gekehrt wird.
  • Das Dessert scheint an einer bisher versteckten Strippe zu hängen, die aus dem Sand emporschnellt. Surreal, aber deutlich erkennbar.
  • Der Mensch denkt, er dominiere die Natur. Vermutlich ist es aber umgekehrt, und da könnten noch ein paar Überraschungen auf uns zukommen.
  • Pandemien und Klimawandel kommen, obwohl längst angewarnt, für viele überraschend und überwältigend, wie das Geangelt-Werden im Film.

 

Aufgabe 5: Labov-Experiment [10']

Am wesentlichen Ort hinschauen und dann die Erfahrungen aus der Wirklichkeit überlegt verallgemeinern, so bilden wir Theorien, im Alltag wie in der Wissenschaft. In der Wissenschaft tun wir dies methodisch überlegt und begründbar. Wissenschaftliches Beobachten der Wirklichkeit – Empirie – geht also systematisch vor. Dazu finden Sie hier das Labov-Experiment:

  • William Labov unterscheidet Warenhäuser, deren Angebot sich an unterschiedliche Kaufkraftklassen und damit soziale Schichten richtet. An jedem dieser Orte bringt er die Kund*innen in kurzen Interviews dazu, die Kollokation fourth floor zu sprechen. Dann zeigt er, dass die Art, wie das r artikuliert wird, von der sozialen Schicht abhängt.
  • Sprache spiegelt also soziale Schicht, und dies sogar auf der Ebene der Lautbildung. Diese Hypothese hat Labov überprüft und weiter gefestigt an Orten, wo die Schicht aufgrund äußerer Einflüsse – Preise und Prestige der angebotenen Waren – unter sich ist. Die empirischen Daten sind die aufgezeichneten Lautvarianten in den Auskünften der befragten Leute, zu den Metadaten zählt der Aufzeichnungsort, also das Warenhaus mit seinem gesellschaftlichen Status.

 

 

Aufgabe 1: Inklusive Sprache [15']

Keine Ahnung? Was genau bewirken wir, wenn wir etwas tun? Solides Wissen gibt es auch dazu, was wir in der Gesellschaft bewirken, wenn wir Menschengruppen im Sprachgebrauch nur mitmeinen – oder wenn wir sie direkt ansprechen und benennen. Mehr dazu finden Sie in der Übung inklusive Sprache:

  • Texte in leichter Sprache werden von den Zielgruppen eines Kommunikationsangebots besser wahrgenommen, zu Ende gelesen oder gehört, verstanden, behalten und in Tat umgesetzt als Texte, die nicht in leichter Sprache abgefasst sind.
  • Wir neigen dazu, die Welt, die wir als Kind wahrnehmen, etwa in Kindermedien, im späteren Leben zu reproduzieren. Zu dieser Wahrnehmung der Welt gehört, welche Gender welche Rollen einnehmen können und sollen.

 

Aufgabe 2: Unstoppbar [15']

Die Wissenschaftsdisziplin, die sich mit Sprache befasst, heisst Linguistik. Sie kann zum Beispiel empirisch begründet erklären, warum sich Sprache ständig weiterentwickelt und damit auch wandelt – selbst wenn dies vielen sprachlichen Laien nicht gefällt, die ihre Sprache in einem bestimmten Zustand bewahren wollen. Sprachpflegerische Bemühungen, die den Sprachwandel zu stoppen versuchen, indem sie etwa Anglizismen aus dem Deutschen auschliessen wollen, müssen scheitern. Warum, erfahren Sie in der Übung Unstoppbar:

  • Warum muss sich Sprache weiterentwickeln? Warum sind Sprachen immer im Fluss? Erfahren Sie das in fünf Minuten von Claire Bowern, am Beispiel «des» Englischen:
    https://www.youtube.com/watch?v=YEaSxhcns7Y
  • Das Wort des steht oben in Anführungszeichen, genauer gesagt, in Scare Quotes oder Gänsehautfüsschen. Sie schaffen Distanz zum angeführten Wort. Warum ist dies hier am Platz?
  • Nutzen Sie Ihre Einsichten aus dem Video, um die Idee von Sprachpurist*innen zu kommentieren, das Deutsche von Einflüssen des Englischen rein zu halten.

  • Es gibt nicht das oder ein einziges Englisch, es gibt viele Varietäten davon.
  • Mit der Welt verändert sich auch die Sprache, mit der wir die Welt benennen und gestalten.

 

Aufgabe 3: Herausforderung [10']

Nehmen Sie irgendein drängendes gesellschaftliches Problem – Sprache und Kommunikation können wesentlich zu seiner Lösung beitragen. Deshalb sind sprachliches Wissen und Können gefragt in einer Welt, in der wir die grössten Herausforderungen nur noch gemeinsam angehen können. In der Übung Herausforderung begreifen Sie den Nutzen Angewandter Linguistik:

  • Erfahren Sie auf der Webseite der Weltorganisation der Angewandten Linguistik, AILA, wozu sich das Fach verpflichtet und wofür sich die Fachorganisation einsetzt:
    https://aila.info/home/qa/
  • Nennen Sie zwei Beispiele für gesellschaftlich zentrale Probleme, zu deren Lösung Sprache und damit auch ihre Erforschung wesentlich beitragen.

  • Welche Sprachen sollen Migrant*innen in ihrem neuen Sprachraum sprechen, und warum? Wie können wir den Klimawandel so erklären, dass möglichst viele Menschen ihre Mitverantwortung wahrnehmen?

 

Aufgabe 4: Tattuh, Kebap, Presidiot [10']

Normverstösse im Sprachgebrauch können unter die Haut gehen, und kommunikative Angemessenheit kann ins Kleingedruckte rutschen. Dazu die Fälle Tattuh, Kebap, und Presidiot:

  • Dass es durchaus sein könnte, dass die Trägerin dieses Tattoos bereut, die Rechtschreibung vor dem Stechen nicht überprüft zu haben. Das Ganze könnte allerdings auch einem sehr hingebungsvollen Sinn für Ironie entsprungen sein.
  • Die Normverstöße bestehen darin, dass die Begriffe Hühner Kebap und Kinder Kebap nicht mit Bindestrich gekoppelt sind. Anders als im Englischen werden im Deutschen Nominalkomposita zusammen oder mindestens gekoppelt geschrieben.
  • Aber das wirkliche Problem besteht in kommunikativer Unangemessenheit. Der erste Begriff suggeriert das Verknüpfungsmodell Kebap aus Hühnerfleisch, was beim Lesen des zweiten Begriffs zur gruseligen Deutung Kebap aus Kinderfleisch führt.
  • Politischen Protest an dieser Stelle erwartet niemand; das kann aus der Sicht von Menschen, die ähnlich denken wie die hier Protestierenden, gerade die Angemessenheit der Kritik am Präsidenten ausmachen. Eine erfrischende Art des Wadenbeißens.

 

Aufgabe 5: Uns-ich-er-es [10']

Sprachliches Wissen und Können, sprachliche Kompetenz in Alltag und Beruf, greifen dort besonders stark ineinander, wo wir mit Sprache spielen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Ein Sprachspiel dieser Art bedingt linguistische Analyse (griechisch ανάλυσις, Zergliederung): Wir zerlegen Sprache und setzen sie auf unerwartete, aber einleuchtende Weise wieder zusammen. Artistisches, Uns-ich-er-es dazu von Beat Gloor:

  • Besuchen Sie die Webseite uns-ich-er des Sprachprofis Beat Gloor. Welche Filme im Kopfkino lösen die Worttrennungen unter der Rubrik mensch in Ihnen aus? Warum?
    https://www.uns-ich-er.ch/mensch.html
  • Woher kommt es, dass Wortspiele und Sprachwitz sehr spät dazukommen, wenn Sie eine neue Sprache lernen? Was ist Ihre Vermutung dazu?
  • Wie schätzen Sie unter diesem Blickwinkel die Tatsache ein, dass in internationalen Organisationen oft alle Menschen die gleiche Verkehrssprache sprechen, heute Englisch?

  • Welche Filme das immer sind, ausgelöst werden sie durch einen neuen Blick auf ein Wort, das man bisher nie in diese Teile zerlegt hat beim Lesen und Verstehen.
  • Um mit Wörtern und Sprache überhaupt spielen zu können, muss man in die Wörter hineinschauen können, ihren entlegenen Nebensinn kennen oder, wie hier, den ihrer Bruchstücke.
  • Eine Verkehrssprache, die von sehr vielen Menschen sehr mittelmäßig gesprochen wird, ermöglicht einfache und ungefähre Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg, erschwert aber Präzision, Hintersinn und Humor erschweren, was sowohl die Freude am Kommunizieren dämpfen also auch das Ergebnis der Verständigung schmälern kann.

 

Aufgabe 1: Zum Diktat [20']

Künstliche Intelligenz kann auch Sprache – und auch da beruhen Entscheidungen auf grossen Mengen von Daten, in denen die Maschine Muster erkennt. Erleben Sie das in der Übung Zum Diktat:

  • Nutzen Sie die Möglichkeit, Ihrem Computer einen Text zu diktieren. Sprechen Sie ganze Sätze. Beobachten Sie, wie sich der diktierte Text am Bildschirm verändert, während Sie sprechen.
  • Stellen Sie Hypothesen dazu auf, warum sich dieser Text laufend verändert, während Sie Ihre Sätze zu Ende sprechen beim Diktieren.
  • Stellen Sie ebenfalls Hypothesen dazu auf, warum der Computer einige Wendungen besser versteht, andere dagegen kaum oder gar nicht.

  • Beim Diktieren bringen wir die Luft zum Schwingen. Der Computer analysiert die aufgenommenen Schwingungsverläufe, zerlegt sie in Einheiten und ordnet den Einheiten möglichst passende Wörter zu. Bei dieser Musteranalyse bezieht er den Ko-Text der Einheiten mit ein: Mit jeder neuen Schallinformation, die den Computer erreicht, bevor der Schallstrom kurz versiegt, weil wir am Satzende kurz pausieren, wird alles Bisherige neu durchgerechnet und mit abgespeicherten Mustern verglichen, um das passendste zu finden.
  • Dieser Mustervergleich funktioniert umso besser, je häufiger die Muster sind, die der Computer wahrnimmt. Häufige Muster – also übliche Formulierungen – kann er mit mehr bereits gelösten Fällen vergleichen und deshalb sicherer zuordnen.

 

Aufgabe 2: Künstliche Intelligenz [10']

Künstliche Intelligenz entsteht durch Algorithmen, die so gebaut sind, dass die Maschine in der Anwendung dieser Algorithmen auf bestimmte Daten lernt – dass also die Algorithmen sich selbst weiterentwickeln und sich dabei die Tätigkeit der Maschine der Umwelt anpasst. Dass auch wir Menschen die Sprache ein Stück weit algorithmisch verarbeiten, also Schritt für Schritt in immergleichen Handlungsmustern, das zeigt Ihnen das Wortquirl-Experiment. Hier erfahren Sie, warum wir schneller lesen, als wir eigentlich lesen könnten:

  • Lesen Sie den Text im nächsten Absatz laut und flüssig. Stellen Sie eine Hypothese dazu auf, warum das möglich ist.

Gmäess eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät, ist es nchit witihcg in wlecehr Rneflo-gheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsin-öldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems. Ehct ksras! Das ghet wicklirh!

  • Und jetzt das Gleiche nochmal, aber in Englisch. Überdenken Sie dann Ihre Hypothese von oben. Wie, vermuten Sie, funktioniert der menschliche Textprozessor beim Lesen?

Aoccdrnig to a rscheearch at Cmabrigde Uinervtisy, it deosn't mttaer in waht oredr the ltteers in a wrod are, the olny iprmoetnt tihng is taht the frist and lsat ltteer be at the rghit pclae. The rset can be a total mses and you can sitll raed it wouthit porbelm. Tihs is bcuseae the huamn mnid deos not raed ervey lteter by istlef, But the wrod as a wlohe. Fcuknig amzanig huh?

  • Wenn wir flüssig lesen, achten wir besonders auf die Ränder der Wörter. Was dazwischen liegt, wird summarisch wahrgenommen: Dort stört es kaum, wenn die Reihenfolge der Buchstaben nicht stimmt.
  • Dabei spielt keine Rolle, ob man eine Sprache sehr gut oder nur OK spricht. Das Abscannen des Gelesenen auf die Ränder der Wörter als der offensichtlichen Einheiten hin ist ein Verfahren, das beim Lesen aller Sprachen zum Zug kommt, die Laut um Laut geschrieben werden.

 

Aufgabe 3: Kürzestgeschichte [5']

Zum Beispiel herausfordern mit Sprache, die Grenzen zum Tabu kennen und nur ganz leicht überschreiten – und so bei unseren Adressaten ganz bewusst einen Cocktail von Emotionen wecken … das schaffen wir Menschen mit sprachlicher Kreativität und mit unserer Lebenserfahrung. Solch menschlichen Mehrwert im Sprachgebrauch erleben Sie beim Verstehen dieser Kürzestgeschichten:

  • Beobachten Sie und halten Sie fest, was in Ihrem Kopfkino abgeht, wenn Sie die folgende Kürzestgeschichte lesen:
    Zwei Männer trafen einander auf der Jagd.

Was brauchen Autorinnen und Autoren, um eine Kürzestgeschichte wie die folgende schreiben zu können? Und was brauchen die Leser*innen, um den Hinter-Sinn zu verstehen?
Ungebrauchte Baby-Kleider zu verkaufen.

  • Der Begriff treffen ist doppeldeutig. Dieser Doppelsinn führt dazu, dass wir eine mentale Vorstellung aufbauen, in der die Männer einander erschießen.
  • Mit genug Weltwissen aus Lebenserfahrung erkennen wir hinter dem ungebrauchte die Tragödie, dass ein Baby sicher erwartet wurde, dann aber früh ging oder nie kam.

 

Aufgabe 4: Versprecher[15']

Ob Analphabetismus statt Alphabetismus oder genull nau Uhr statt genau null Uhr, Patzer beim Reden verraten, wie unser Hirn Sprache produziert, bevor der Mund sie artikuliert. Und dies kann damit zusammenhängt wie wir uns fühlen, zum Beispiel vor Publikum. Sprache ist also eine Schnittstelle ins Gehirn, in die Seele des Menschen und in seine Gemeinschaften. Das hat die Psycholinguistik herausgefunden. Die Soziolinguistik kann erklären, warum sich Versprecher oft häufen, wenn Menschen vor vielen anderen sprechen.

 

  • Wenn Sie schön- äh schon im Internet sein- äh sind, recherchieren Sie kurz, was Helen Leuninger unter einem Versprechervirus versteht.
  • Und jetzt das Gleiche, aber mit den Freudschen Versprechern. Wie kommen sie zustande und warum heissen sie so?

  • Sprechen vor Mikrofon, Kamera und Publikum bedingt Präsenz auf ganz vielen bewussten und unbewussten Ebenen der Kommunikation und Sprachverarbeitung: vom Herstellen einer Beziehung zum Publikum bis zum Artikulieren der einzelnen Laute. Zugleich stehen Sprecher*innen in ausgestellten Situationen unter psychischem Druck, ihre Sache gut zu machen und Versprecher zu vermeiden. Nach einem ersten Versprecher gerät die Sprachverarbeitung so durcheinander, dass leicht ein zweiter folgt.
  • Der Psychoanalytiker Sigmund Freud stellte die Theorie auf, dass hinter all unserem Tun ein paar wenige, grundsätzliche Triebe wirken. Auch wenn sie im Alltage verdrängt werden, prägen sie unser Verhalten, unser Handeln und unsere kommunikativen Angebote. In Freudschen Versprechern schlagen sie durch und werden auf der Ebene des Geäußerten greifbar. Dies etwa dann, wenn jemand dem Gegenüber im Streit empfiehlt, jetzt doch wieder pfleglich miteinander unterzugehen (statt umzugehen).

 

Aufgabe 5: I have a dream [20']

Im richtigen Moment genau das Richtige sagen und dabei so überraschen, dass das scheinbar unentrinnbar schwierige Schicksal sich zum Guten wendet: Sprache als beherzte Tat, dies gelang zum Beispiel Martin Luther King, und zwar mit dem Satz I have a dream, mit dem er spontan seine Rede veränderte und damit Weltgeschichte schrieb:

  • Lesen Sie, was sich alles in und zwischen den Beteiligten abgespielt hat, bis Martin Luther Kings Rede zu dem wurde, als das sie heute berühmt ist:
  • Welche Rolle spielen dabei der Berater, das Publikum, die Mahalia Jackson? Wo und wie kommen Empathie, Spontaneität, Kreativität ins Spiel?

  • Der Berater hatte Martin Luther King nahegelegt, auf das Leitmotiv I have a dream zu verzichten, das der Redner schon zu oft verwendet habe in seiner bisherigen Laufbahn. Ergebnis der Beratung war eine anständige, aber nicht besonders packende Redevorlage, auf die das Publikum träge reagierte. Luthers Freundin Mahalia Jackson im Publikum merkte, dass der Rede das Herz des Redners fehlte und deshalb kein Funke sprang, so schrie sie ihm zu, „Tell ’em about the dream, Martin“. Beim zweiten solchen Zuruf löst sich Luther vom Manuskript und beginnt, aus dem Herzen über seinen Traum zu sprechen. Ab da packt er die Menschen, der Funke springt zwischen Redner und Publikum hin und her – und die Rede schreibt Geschichte.

Aufgabe 1: Progressionsgrafik [20']
Auf welcher empirischen Grundlage entstehen Handlungsempfehlungen wie der Überfalltest? Was leistet eigentlich Textproduktionsforschung? – Erkunden Sie das Besondere dieses Forschungsfelds der Angewandten Linguistik am Beispiel einer ihrer typischen Datenvisualisierungen, der Progressionsgrafik:

  • Überfliegen Sie den Artikel «Irgendwie bin ich immer am Schreiben» von Daniel Perrin und lesen Sie dort genau die Beschreibung der Progressionsgrafik, Abbildung 3. https://jfml.org/article/download/18/26
  • Was stellen die roten Punkte dar, und wie sind sie angeordnet auf der x-  und der y-Achse? Welches Bild zeigt also die gesamte Grafik?
  • Warum kann es hilfreich sein, zu messen und mit solchen Grafiken zu veranschaulichen, wie ein Text entstanden ist?
  • Wie sieht die Progressionsgrafik eines Schreibprozesses aus, bei dem die Autorin hin und her springt und alles immer wieder umstellt?
  • Und wie sieht die Grafik aus, wenn die Autorin zu Beginn des Schreibprozesses überlegt, was sie sagen will und wie sie den Text aufbaut – bevor sie ihn in einem Zug niederschreibt?

  • Die  roten Punkte stellen Revisionen dar, also Stellen, wo etwas in den entstehenden Text eingefügt oder etwas daraus gelöscht wurde. Auf der x-Achse stehen diese Revisionen geordnet nach Zeit, also die zeitlich erste ganz links, die zeitlich letzte ganz rechts. Auf der y-Achse stehen sie geordnet nach ihrer Position im entstehenden Text, also die oberste im Text ganz oben in der Grafik, die unterste im Text ganz unten in der Grafik. Eine solche Grafik zeigt also, wie sich jemand beim Schreiben durch den entstehenden Text bewegt hat.
  • So zeigen sich Prozessmuster, also wiederkehrende Verhalten beim Schreiben eines Textes. Es gibt Menschen, die neigen dazu, unterwegs sehr viel zu korrigieren, während andere flüssig durchschreiben. Diese Verhaltensweisen begünstigen oder erschweren es, bestimmte Ziele zu erreichen, die sich die Schreibenden für ihre Prozesse und Produkte gesteckt haben.
  • Eine solche Grafik ist sehr zackig. Jedes Springen nach oben im entstehenden Text führt zu einem Sprung des Graphs nach oben.
  • Eine solche Grafik ist linear, der Graph zeigt von links oben nach rechts unten, weil jede zeitlich spätere Revision jeweils weiter unten im Text erfolgt als die vorangehende.

Aufgabe 2: Welt retten [15']
Tun Sie das. Testen Sie den Überfalltest und erfassen Sie die Hauptbotschaft! Nutzen Sie dazu die Aufgabe Welt retten:

  • Lesen Sie den Text unten. Wenden Sie dann den Überfalltest an. Sobald Sie wissen, was Sie wollen, schreiben Sie den Text in einem Zug von oben nach unten durch. 

ap. Eine Abwendung der von vielen Wissenschaftlern befürchteten Klimakatastrophe wäre mit heute bereits bekannten und einsatzreifen Techniken möglich, würde aber einen unvorstellbaren Kraftakt der gesamten Menschheit erfordern. Über dieses Ergebnis eigener Berechnungen berichtet der Leiter des Eduard-Pestel-Instituts für Systemforschung in Hannover, Klaus-Peter Möller, in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift »Bild der Wissenschaft«. Nach den Berechnungen Möllers wäre eine Summe von 22 1/2 Billionen Dollar (4000 Dollar pro Erdenbürger!) notwendig, um 75 Prozent der heute genutzten fossilen Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas einzusparen oder durch andere Energien zu ersetzen, deren Nutzung nicht das Klima-Schadgas Kohlendioxid (CO2) freisetzt.

  • Wie lautete Ihre Hauptbotschaft für den Text, die Sie im Überfalltest vor dem Schreiben festgelegt hatten?
  • Welche Probleme stellen sich Ihnen beim Herunterschreiben in einem Zug? Wie gehen Sie mit diesen Problemen um, damit Sie im Schreibfluss bleiben zu können?

  • Zum Beispiel: Die Welt kann zu retten sein, wenn dafür entsprechend Mittel eingesetzt werden. Oder: Die Welt wäre zu retten, aber das ist sehr teuer. Oder: Die Welt zu retten, kostet einen überschaubaren Betrag.
  • Details kommen einem nicht einfach so in den Sinn beim flüssigen Herunterschreiben. Waren es jetzt 70 oder 75 Prozent? – Viele erfahrene Schreibende setzen in solchen Situationen einfach xxx in den Text und schreiben weiter, bleiben also im Schreibfluss. Sie kennen ja die Größenordnung, weil Sie sich die Geschichte im Großen und Ganzen überlegt haben, und Sie wissen, wo Sie die Details nachschauen können. Dies tun Sie nach dem ersten Durchlauf, wenn Sie alle xxx ersetzen durch konkrete Formulierungen.

Aufgabe 3: Schreibgefühle [5']
Adrenalinschub … In der Tat beeinflussen Emotionen unser Schreibhandeln stark. Gönnen Sie sich dazu das Quiz Schreibgefühle:

Lesen Sie die folgenden drei Fragen. Wählen Sie bei jeder die Antwort, die Ihrer Meinung nach am besten zutrifft. Begründen Sie Ihre Wahl.

1.Beim Schreiben wecken nur emotionale Texte Gefühle

                .     richtig

                .     falsch

2. Beim Schreiben kann man negative Gefühle so leicht abbauen wie in einem Gespräch.

                .     richtig

                .     falsch

3. Emotionen, aufgebaut im letzten Schreibprozess, werden im nächsten wieder wach.

                .     richtig

                .     falsch

  1. falsch. Auch ein knochentrockener Text kann beim Schreiben Gefühle wecken, etwa Ärger und Wut über den Auftraggeber oder eigene Langsamkeit.
  2. falsch. Beim Schreiben sind die meisten Menschen allein, können sich also nicht austauschen mit anderen, wie im Gespräch. Die Gefühle stauen sich auf.
  3. richtig. Sitzt man später wieder in einer ähnlichen Situation, mit ähnlicher Aufgabe und ähnlichen Problemen, kommen die alten Gefühle wieder hoch.
Aufgabe 4: Werkzeugkasten [20']
Wenn Sie hier arbeiten, haben Sie in Ihrem bisherigen Leben bestimmt schon Tausende von Texten geschrieben, Präsentationen gegeben und Diskussionen geführt. Dabei haben Sie sich, unbewusst, Ihre eigenen Techniken angeeignet. Machen Sie sich einige davon bewusst mit der Checkliste Werkzeugkasten.
  • Welche dieser Praktiken kommen Ihnen vertraut vor? Welche wenden Sie selbst an, weil sie sich in Ihrem Leben als schreibende Person bisher bewährt haben?
a. Ich überlege mir vor dem Schreiben, ob dieser neue Text wirklich nötig ist.
b. Nach dem Schreiben bleibe ich dran, bis der Text in der Zielgruppe angekommen ist.
c. Ich versuche, alle Notizen und Quellentexte gelesen und bereit zu haben, bevor ich schreibe.
d. Ich wechsle bewusst ab zwischen Schreiben und Nachlesen des bereits Geschriebenen.
e. Die Möglichkeiten und Macken meines Schreibcomputers sind mir vertraut.
f. Wenn ich schreibe, schiebe ich andere Aufgaben beiseite bis zum nächsten Etappenziel.
g. Ich plane Kontakte zu anderen bewusst ein beim Schreiben und lasse mich nicht ablenken.
h. Ich kenne meine Hauptbotschaft, wenn ich schreibe.
i. Ich habe eine grobe Vorstellung vom Aufbau, bevor ich loslege.
j. Um im Schreibfluss bleiben zu können, lasse ich offene Fragen auch mal stehen.
k. Beim Überarbeiten achte ich darauf, dass Stil und Ton durchgezogen sind.
l. Ich grenze mein Thema so ein, dass ich dazu das Wesentliche schreiben kann.
m. In meinem Text treten die wichtigsten Akteure auf, die zum Thema beizusteuern haben.
n. Meine eigene Stimme, meine Meinung bringe ich bewusst so ein, dass es passt.
o. Den Text baue ich bewusst so auf, dass die Form zum Thema passt.
p. Ich versuche, so zu schreiben,  dass sich die Adressatinnen und Adressaten angesprochen fühlen.
  • Ordnen Sie diese Techniken den 16 Handlungsfeldern der Textproduktion zu, wie Sie im Text «Irgendwie bin ich immer am Schreiben», Abbildung 7, beschrieben sind.  https://jfml.org/article/download/18/26

  • Praktiken zur Nutzung des Arbeitsplatzes
    HANDLING SOCIAL ENVIRONMENT: Praktik g
    HANDLING TASK ENVIRONMENT: f
    HANDLING TOOLS ENVIRONMENT: e
  • Prakiken an der Schnittstelle zur Wertschöpfungskette
    COMPREHENDING THE TASK: a
    IMPLEMENTING THE PRODUCT: b
  • Praktiken zum Schreiben im engeren Sinn
    GOAL SETTING: h
    PLANNING: i
    CONTROLLING: j
    MONITORING: k
  • Praktiken im intertextuellen Umfeld
    READING SOURCE TEXT: c
    READING OWN TEXT: d
  • Praktiken zum beabsichtigten Wirkungsfeld des Produkts
    LIMITING THE TOPIC: l
    FINDING THE SOURCES: m
    TAKING OWN POSITION: n
    STAGING THE STORY: o
    ESTABLISHING RELEVANCE FOR THE AUDIENCE: p

 

Aufgabe +1: Angewandte Linguistik [20']
Schreiben Sie in einem Satz auf, was Angewandte Linguistik leistet. Tun Sie dies zweimal: zuerst aus der Erinnerung und dann, nachdem Sie die entsprechenden Textstellen in diesem MOOC nochmal gelesen haben.

  • Angewandte Linguistik erkennt und löst Probleme von gesellschaftlicher Bedeutung, bei denen Sprache eine wesentliche Rolle spielt.
Aufgabe +2:  Sprache und Sprachwissen [10']
1. Welche Aussagen zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln treffen zu?
a Sprache ist das Gleiche wie Denken und Handeln.
b Sprachgebrauch beeinflusst Denken und Handeln.
c Wir können nur denken, was wir handeln können.
d Die Perlokution muss nicht der Illokution entsprechen.
2. Welche Aussagen zum Wissen über Sprachgebrauch treffen zu?
a Alltagswissen ist systematischer, aber impliziter als wissenschaftliches Wissen.
b Abstraktes Wissen bedeutet vom Einzelfall losgelöstes, verallgemeinertes Wissen.
c Theorien Angewandter Linguistik erleichtern es, neue Situationen einzuschätzen.
d Wissen über Sprachnormen erleichtert Kommunikation, reicht aber nicht aus.

  • Zutreffend sind 1b, 1d, 2b, 2c, 2d
Aufgabe +3: die Macht der Sprache [30']
Was verstehen Sie unter der Macht der Sprache, im Alltag und im Beruf? Finden Sie ein starkes Beispiel aus Ihrer Alltags- oder Berufserfahrung und verfassen Sie einen Text von hundert Wörtern, in dem Sie einer Kollegin Ihr Verständnis von Macht der Sprache an diesem Beispiel erklären. Nutzen Sie vor dem Schreiben den Überfalltest.

  • Ein Beispiel: Macht der Sprache bedeutet, dass ich mit Sprache etwas erreichen kann. Zum Beispiel kann ich im Studium zeigen, dass ich mein Werkzeug geschliffen habe für meinen Beruf und nun in der Gesellschaft zum Ganzen beitragen kann. Denn diese Fähigkeit, zum Ganzen beizutragen, ist der Grund, warum die Öffentlichkeit meine Ausbildung bezahlt: Ich mache mich fit, die Welt weiterzuentwickeln, zusammen mit vielen anderen. Meine Fitness zeigt sich in meinen sprachlichen Äußerungen in Praktika und in Prüfungen. Sprache gibt mir also die Macht, berufliche Fitness so unter Beweis zu stellen, dass ich das nächste Level erreiche: den Bachelorabschluss von Studium und Berufsausbildung.

Aufgabe 1: «gewinkt/gewunken» [15’]

Die folgende Aufgabe wird Ihnen ein Beispiel dafür geben, wie differenziert korpuslinguistische Daten den Sprachgebrauch abbilden können – und dass man mit Pauschalurteilen vorsichtig sein muss.

Bitte lesen Sie zunächst die Kolumne von Bastian Sick (Link zur Kolumne). Anschließend analysieren Sie die Daten (siehe Abbildungen unten) zu gewunken und gewinkt aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) des Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (Abfrage vom 28.08.2021).
Hat Bastian Sick Recht? Was sagen die Daten zur zeitlichen und nationalen Entwicklung der beiden Varianten?

 

Abfrage gewunken, Ergebnisdarstellung in Länderansicht (Daten aus DeReKo)

 

Abfrage gewinkt, Ergebnisdarstellung in Länderansicht (Daten aus DeReKo)

 

Abfrage gewunken, Ergebnisdarstellung in Jahrzehnt-Ansicht (Daten aus DeReKo)

 

Abfrage gewinkt, Ergebnisdarstellung in Jahrzehnt-Ansicht (Daten aus DeReKo)

Für Bastian Sick ist die Form gewunken nur «landschaftlich verbreitet» und «streng genommen ein Irrtum».
Die Daten aus DeReKo zeigen aber, dass die Form gewunken in Deutschland und in Österreich fast doppelt so häufig vorkommt wie gewinkt. Auch die wenigen Vorkommen in Luxemburg zeigen Ähnliches. Einzig in der Schweiz wird gewinkt bevorzugt und doppelt so häufig wie die Form gewunken verwendet. Insgesamt kann also nicht von einer rein landschaftlichen Verbreitung gesprochen werden.
Auch die Verteilung über die Jahrzehnte in allen drei Ländern zeigt, dass die Form gewunken deutlich häufiger verwendet wird. Gewinkt scheint zwar älter zu sein, wird aber seit den 1970er Jahren durch gewunken verdrängt.
Kann man also noch sagen, dass winken regelmässig («ich winke, ich winkte, ich habe gewinkt») konjugiert wird?

Erfahren Sie durch die folgenden beiden Aufgaben, inwiefern Wörterbuchredaktionen und Forschende die Korpuslinguistik nutzen, um Wandel im Wortschatz zu beobachten und nachzuweisen.

 

Aufgabe 1: «Blick hinter die Kulissen des Dudens» [10']

Bitte informieren Sie sich, nach welchen Kriterien der Duden neue Wörter in das Wörterbuch aufnimmt (Link zum Duden).

Neue Wörter (Neologismen) werden erst in eines der Duden-Wörterbücher aufgenommen, wenn sie in einer gewissen Häufigkeit auftreten. Das überprüft die Duden-Redaktion anhand des redaktionseigenen Korpus (sog. «Dudenkorpus»).

Wenn ein Wort häufig und mit einer Streuung über verschiedene Textsorten hinweg immer wieder verwendet wird, entscheidet die Duden-Redaktion zunächst, in welches Wörterbuch der Neologismus aufgenommen werden soll (z.B. Fremdwörterbuch oder Rechtschreibwörterbuch). Und schliesslich tauschen sich die Duden-Redakteure in einer Sitzung aus und entscheiden über die Aufnahme.

 

Aufgabe 2: «Blick in die Kinderstube neuer Wörter» [10']

Wörter, die zu neu sind, um auf einer Kandidatenliste des Dudens aufzutauchen, können ebenfalls durch korpuslinguistische Verfahren ermittelt werden. Informieren Sie sich, wie die «Wortwarte» neue Wörter entdeckt (Link zur Wortwarte).

Neue Wörter entstehen vor allem durch die Kreativität der Sprecher und strukturelle Merkmale einer Sprache. So kann im Deutschen ein neues Substantiv durch Komposition oder Derivation relativ einfach gebildet werden.
Die erstmalige Verwendung eines Worts kann entdeckt werden durch den Vergleich von Texten aus verschiedenen Tageszeitungen mit einem Korpus, welches die Gegenwartssprache beschreibt, einem sogenannten Referenzkorpus.
Nicht alle gefundenen Wort-Kandidaten sind Neologismen, einige sind einfach falsch oder anders geschrieben worden. Nur wenige Wörter bleiben übrig, die Kandidaten für einen Lexikalisierungsprozess sein können. Lexikalisierung meint die Verbreitung eines Worts in der Sprache und schliesslich die Aufnahme eines Worts in den deutschen Wortschatz, was sich z.B. in einem Wörterbuch zeigt.

Aufgabe 1: «Repräsentativität und Ausgewogenheit in einem Medienkorpus» [15']

Überlegen Sie sich bei der folgenden Aufgabe, wie Repräsentativität und Ausgewogenheit in einem Korpus konkret umgesetzt werden können.

Sie wollen den Diskurs über den Brexit im Jahr 2019 in den deutschen Print-Medien untersuchen. Bitte überlegen Sie sich kurz, wie Ihr Korpus aussehen müsste.

Im Folgenden finden Sie zwei mögliche Zusammensetzungen von Zeitungs-Korpora. Wenn Ihnen die Medien nicht vertraut sind, recherchieren Sie bitte kurz zu den Zeitungen.
Was spricht für die eine Korpus-Zusammensetzung, was für die andere und welche würden Sie für Ihre Untersuchung aus welchen Gründen verwenden?

Zusammensetzung 1: Angaben in Prozent

 

Zusammensetzung 2: Angaben nach Auflagenstärke

Bei der Zusammensetzung 1 werden alle Medien in gleichen Anteilen ins Korpus aufgenommen. Diese Verteilung eignet sich z.B. für Fragestellungen, bei denen der Fokus der Untersuchung darin liegt, die verschiedenen Medien miteinander zu vergleichen, etwa durch welche Lexik sich die einzelnen Zeitungen voneinander unterscheiden.

Bei der Zusammensetzung 2 sind die Medien nach ihrem Anteil an der Auflagenstärke pro Tag bei den Tageszeitungen und pro Woche bei den Wochenzeitungen ins Korpus aufgenommen worden. Diese Verteilung eignet sich z.B. für Fragestellungen, bei denen es um das Korpus als Ganzes geht und dieses repräsentativ für den Brexit-Diskurs von Print-Medien in Deutschland untersucht werden soll.

 

Aufgabe 2: «Tagging und Parsing» [3']

Hier sehen Sie ein Beispiel für einen sehr kurzen getaggten und einen geparsten Text. Welcher Text ist getaggt, welcher geparst?

Beispiel 1 (Beispiel erstellt mit INESS)

 

Beispiel 2 (Beispiel eines Artikels aus der «Südostschweiz», Korpus Swiss-AL)

Beispiel 1 ist geparst, d.h. die syntaktische Struktur ist sichtbar gemacht worden.
Beispiel 2 ist getaggt, d.h. in diesem Beispiel, dass die Angaben zu den Wortarten nach dem Wort durch einen Unterstrich erfolgen.

 

Aufgabe 3: «Metadaten» [3']

Ordnen Sie im folgenden Beispiel den Buchstaben die Begriffe «Primärdaten», «Metadaten» und «Annotationen» zu:

C = Metadaten. Hier z.B. mit Zuordnung zu Medien/Tageszeitung, Quelle («Südostschweiz»), Format («HTML») und Datum («2020 08»).
A = Primärdaten. Das ist aus dem Textausschnitt selbst.
B = Annotation. Hier in Form der Wortart-Angabe (des Tags) «NN», also Nomen.

Aufgabe 1: «Korpusabfrage»

Die folgende Aufgabe wird Sie durch ausgewählte Abfragen in Swiss-AL führen und Ihnen zeigen, was quantitative Abfragen von Sprachdaten (z.B. von Kollokationen) zur Untersuchung von gesellschaftlichen Diskursen beitragen können.

1. Gehen Sie zu Swiss-AL: https://swiss-al.linguistik.zhaw.ch/CQPweb/ Bei der ersten Benutzung müssen Sie einen Account anlegen. Allgemeine Informationen zu Swiss-AL gibt es hier.

2. Wählen Sie das Korpus «Parlamentsdebatten». Das sind Mitschriften der Schweizer Parlamentsdebatten ab 1999.

3. Geben Sie als Suchwort «Kind» ein. Tipp: Wenn Sie die Abfrage [lemma="Kind"] im Query-Mode «CQP syntax» eingeben, werden alle Wortformen («Kind», aber auch «Kinder», «Kindern» etc. abgefragt). Als Ergebnis erhalten Sie die ersten 50 Vorkommen in Form einer Konkordanz-Liste im Korpus.

4. Schauen Sie sich nun die Kollokationen zu «Kind» näher an.
Wählen Sie in dem angezeigten Menü «Collocations» aus und starten Sie die Abfrage.
Verwenden Sie generell die Standardeinstellungen, binden aber «POS» (Part of Speech, also Wortart) ein (include). Ihnen werden die Kollokationen in einer Liste angegeben, wobei sich die Reihenfolge nach dem Wert in der letzten Spalte richtet.
5. Adjektive können uns etwas über die Eigenschaften vermitteln, welche Kindern zugeschrieben werden.
Wählen Sie die Option «ADJA» (Adjektive in attributiver Verwendung) zum Filtern und starten Sie die Abfrage. 

Schreiben Sie die ersten 10 Kollokatoren auf. Welches sind die Gemeinsamkeiten dieser Kollokatoren?

Aus den Parlamentsdebatten wird ersichtlich, dass Kinder in bestimmten Diskursen Erwähnung finden – sexuell missbrauchte Kinder, Kinder und andere abhängige Personen, ungeborene, behinderte, minderjährige und schulpflichtige Kinder.

6. Verben sind interessant, da sie uns über Tätigkeiten aufklären – was Kinder tun bzw. was mit Kindern getan wird.
Wählen Sie die Option «VVFIN» (finite Verben) und starten Sie die Abfrage.

Schreiben Sie die ersten 10 Kollokatoren auf. Welches sind die Gemeinsamkeiten der Kollokatoren?

Auch hier wird wieder in bestimmter Art und Weise über Kinder gesprochen – meist handeln diese nicht aktiv, sondern sie kommen in Passivkonstruktionen vor. Sie werden betreut, erzogen, geschützt, sie erscheinen gefährdet, sie sind von etwas betroffen oder erhalten Leistungen.
Haben Sie sich gewundert, dass bei den Verben auch schütten als Verb erscheint? Durch Anklicken auf die Zahl «9» bei der Frequenz, können Sie die Belege aus dem Korpus anschauen.
Sie werden feststellen, dass es sich um die Redewendung das Kind mit dem Bad(e) ausschütten handelt.

7. Zuletzt die nominalen Kollokationen, die häufig mit dem Suchwort «Kind» in Parlamentsdebatten vorkommen.
Wählen Sie die Option «NN» (Nomen) und starten Sie die Abfrage.

Schreiben Sie die ersten 10 Kollokatoren auf. Welches sind die Gemeinsamkeiten der Kollokatoren?

Kinder werden hier Familien zugeordnet, von Jugendlichen abgegrenzt, sie haben Eltern, speziell Mütter und Frauen. Sie sind in Betreuung, erhalten Schutz, haben eine Geburt erlebt und berechtigen zu Zulagen.

Leseauftrag [120']

Lesen Sie im Band «Korpuslinguistik. Eine Einführung» das Kapitel «Der Stein der Weisen? Linguistische Korpora», Lemnitzer & Zinsmeister, 2015, S. 40–59. Beschreiben Sie auf der Grundlage dieses Kapitels in ein paar Sätzen, wie ein Korpus zu einer gesellschaftlichen Fragestellung, die Sie vorab festgelegt haben, idealerweise aufgebaut sein müsste.

 

Selbsttest [10']

1. Sprachkorpora sind …
a. grosse Mengen ähnlicher Sätze, zusammengestellt in einer Datenbank.
b. Sammlungen geschriebener und gesprochener Äusserungen.
c. digital zugängliche Zusammenstellungen von Texten.
d. Kollektionen deutschsprachiger Grundlagentexte.
2. Sprachdaten zu annotieren …
a. bedeutet, Primärdaten linguistisch weiter zu beschreiben.
b. ermöglicht, die Sprachdaten im Korpus besser zu nutzen.
c. korrigiert Fehler in den Primärdaten eines gepflegten Korpus.

d. beugt Fehlern bei einer automatisierten Korpusanalyse vor.

Zutreffend sind 1b, 1c, 2a, 2b

 

Diskussion | Nützlichkeit korpuslinguistischen Wissens [15']
Überlegen Sie sich drei beispielhafte Fälle, in denen sich korpuslinguistisches Wissen in Ihren Sprachberufen als nützlich erweisen kann. Gäbe es auch andere Methoden, derer Sie sich bedienen könnten? Worin liegen die Vor- und Nachteile des korpuslinguistischen Ansatzes?

Als Übersetzerin müssen Sie z.B. beurteilen, welche von den möglichen Übersetzungsvarianten die übliche ist – oder die in dem Fachbereich richtige. Hier helfen Korpusabfragen zu Frequenz von Lexik oder zum Sprachgebrauch in bestimmten Fachbereichen. Alternativ könnten Sie natürlich auch einen Experten befragen, der aufgrund seiner eigenen Erfahrung antworten würde.

Als Journalistin können Sie z.B. Abfragen zur Streuung bestimmter politischer Lexik durchführen, um festzustellen, wie verbreitet manche Begriffe in der Gesellschaft sind. Hier würde sich als Alternative eine Befragung anbieten, die aber auch sehr arbeits- und zeitaufwändig sein kann.

Als Experte für sprachliche Integration können Sie Beispiele aus einem Korpus nehmen und Lernenden auf diese Weise den tatsächlichen Sprachgebrauch näherbringen, was sich von den z.T. erfundenen Beispielen in Lehrwerken abheben würde.

Front Stage – Blick auf die Kulissen

Aufgabe 1: Zweisprachigkeit [10']
Welchen der folgenden Aussagen zur Mehrsprachigkeit stimmen Sie zu?
  1. Zweisprachig sind nur Menschen, die zwei Sprachen gleich gut beherrschen.
  2. Wenn man eine Sprache in der Schule lernt, spricht man von Spracherwerb.
  3. Ein Mensch kann gleichzeitig zwei Erstsprachen erwerben.
  4. Spricht ein Kleinkind in Zürich zuhause französisch, ist das bilingualer Erstspracherwerb.

  1. Dieser Aussage stimmen wir nicht zu. Der Begriff Zweisprachigkeit bezieht sich nicht nur auf die Vorstellung einer ausgewogenen Zweisprachigkeit, sondern schliesst auch Zwischenformen bzw. asymmetrische Zweisprachigkeit mit ein. Auch bei einer hohen Kompetenz in zwei Sprachen und bei frühem Erwerb gibt es immer Spezialwissen und -können in den einzelnen Sprachen.
  2. Dieser Aussage stimmen wir nicht zu. Der Begriff Spracherwerb bezieht sich vorwiegend auf natürlichen, ungesteuerten Spracherwerb. Im schulischen Umfeld werden Sprachen gesteuert nach einem Lehrplan erlernt, nicht erworben.
  3. Wir stimmen dieser Aussage zu. Es ist denkbar, dass ein Kleinkind mehr als einer Sprache in vergleichbarer Intensität ausgesetzt ist. Dies kann zu ausgewogener Zweisprachigkeit führen. Der Regelfall ist jedoch eine asymmetrische Zweisprachigkeit (siehe Antwort a).
  4. Wir stimmen dieser Aussage nicht zu. Die Voraussetzung zu bilingualem Erstspracherwerb ist die Intensität des Sprachangebots und die Nähe zu den Bezugspersonen (Familie oder familienähnliche Betreuungspersonen). Im beschriebenen Szenario werden diese Voraussetzungen nicht erfüllt.
Aufgabe 2: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache [5']
Was trifft am besten auf ein Kind zu, das bis zum dritten Lebensjahr mit Französisch (Mutter) und Englisch (Vater) aufwächst und anschliessend in eine deutschsprachige Schule geht?
  1. Bilingualer Erstspracherwerb (Französisch, Englisch) mit Deutsch als Zweitsprache
  2. Bilingualer Erstspracherwerb mit Französisch, Englisch und Deutsch als Erstsprachen
  3. Bilingualer Erstspracherwerb mit F als Muttersprache sowie E und D als Zweitsprachen
  4. Bilingualer Erstspracherwerb mit F als Muttersprache sowie E und D als Fremdsprachen

Szenario a trifft am besten auf die beschriebene Person zu. Deutsch fungiert als Umgebungssprache (L2), wohingegen Französisch und Englisch das erstsprachliche Repertoire der Person ausmachen. Die Interpretation dieses Falls hängt auch von der Art und Intensität des Sprachangebots sowie von der Nähe zu den Bezugspersonen ab.

 

Aufgabe 3: Dialekt und Standard [15']
Überlegen Sie, warum L1-Sprechende von schweizerdeutschen Dialekten Standarddeutsch gerne als ihre L2 bezeichnen.

  • Haben Sie über die Nähe der schweizerdeutschen Dialekte zum Standarddeutsch nachgedacht? Auf welchen Ebenen lässt sich die Nähe / lassen sich die Unterschiede beschreiben? Finden Sie Beispiele?
  • Haben Sie über die Art der Diglossie in der Deutschschweiz nachgedacht? Wann verwendet man Dialekt, wann Standarddeutsch?
  • Haben Sie über die soziale Funktion des Dialekts in der Deutschschweiz nachgedacht?
  • Typologische Unterschiede und Gemeinsamkeiten lassen sich auf allen Ebenen finden. Da der Dialekt nicht unterrichtlich gelehrt und gelernt wird, beschränkt sich die Verschriftlichung des Dialekts mehrheitlich auf informelle Kontexte. Entsprechend fehlt auch ein übergeordneter Standard. Mündlich kann der Dialekt auch in formellen Kontexten verwendet werden. Die Frage, ob der Dialekt eine eigenständige Sprache ist, ist nur bedingt an die Distanz zwischen zwei Varietäten geknüpft, sondern hängt vom Sprachbewusstsein der Sprecherinnen und Sprecher ab. In der Deutschschweiz hat der Dialekt eine stark identitätsbildende Funktion.
Aufgabe 4: Gömmer Starbucks – das Spiel mit der Mehrsprachigkeit im Migrationskontext
Was ist ein Ethnolekt?
«Ein Ethnolekt ist eine Sprechweise (Stil), die von den Sprechern selbst und / oder von anderen mit einer oder mehreren nicht-deutschen ethnischen Gruppen assoziiert wird. Anders als im Falle der bekannten lexikalischen Innovationen der sog. Jugendsprache betrifft er im vorliegenden Fall (auch) die Grammatik» (Auer, 2003, 256).
«Der neue Ethnolekt tritt in verschiedenen Formen auf: als primärer Ethnolekt, der in den deutschen Grossstadt-Ghettos entstanden ist und vor allem von männlichen Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund verwendet wird, die in Deutschland aufgewachsen sind. Dieser primäre Ethnolekt ist der Bezugspunkt für einen sekundären, medial transformierten Ethnolekt, der von (fast ausschliesslich) deutschen Medienmachern in Filmen, Comedies, Comics, Zeitungsartikeln u.a. eingesetzt wird, die ihn einer bestimmten Gruppe von (v.a.) männlichen türkischen und anderen nicht-deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuschreiben. Die mediale Verwendung des Ethnolekts impliziert immer die Usurpierung des primären Ethnolekts durch Personen, denen er nicht gehört; er ist deshalb ein Akt der Transgression (…). Der sekundäre Ethnolekt wird nun seinerseits von (wiederum v.a. männlichen) deutschen Jugendlichen in Versatzstücken zitiert und weiterentwickelt. Wo dies nicht direkt aus dem Kontakt mit türkischen oder anderen nicht-deutschen Jugendlichen geschieht, sondern lediglich der mediale Input transformiert wird, kann man von einem tertiären Ethnolekt sprechen. Die Beziehung zwischen primärem, sekundärem und tertiärem Ethnolekt entspricht dem von Androutsopoulos (2000) beschriebenen Weg from the streets to the screens and back again» (Auer, 2003, 256).
Zum Autor von «Gömmer Starbucks»
Bänz Friedli, 1965 in Bern geboren, ist Autor und Kabarettist und lebt in Zürich. Gömmer Starbucks? Bänz Friedli macht sich einen Reim auf die Jugend (2013) ist eines der bekanntesten Kabarettstücke von Bänz Friedli.
Auftrag [30']
(Für diese Übung lohnt sich der Austausch in einer Gruppe. Halten Sie Ihre Erkenntnisse in einem Kurzprotokoll fest.)
  1. Schauen Sie sich den folgenden Ausschnitt aus der DVD «Gömmer Starbucks?» von Bänz Friedli, live im Casinotheater Winterthur, an.
  2. Ordnen Sie anschliessend das Thema Ethnolekt dem Kapitel Mehrsprachigkeit als Kompetenz: Schlüssel zur Welt zu. Um welche Form der Mehrsprachigkeit handelt es sich? Sind Ethnolekte Ausdruck einer mehrsprachigen Kompetenz?
  3. Diskutieren Sie die Darbietung von Bänz Friedli kritisch. Welche Pointe macht der Kabarettist?
  4. Abschliessend tauschen Sie sich mit anderen zu Ihren eigenen Erfahrungen mit Ethnolekten aus. Wo haben Sie selber Ethnolekte angetroffen oder verwendet?

Zu 2: Der Ethnolekt bildet Teil der inneren Mehrsprachigkeit einer Sprache. Ein Ethnolekt ist – wie zum Beispiel der Dialekt – Bestandteil einer natürlichen Sprache. Er ist jedoch nicht ursächlich an einen Ort gebunden, sondern an eine Gruppe von Sprechenden (z.B. Jugendliche). Der Ethnolekt kann – je nach kommunikativen Konventionen einer Gesellschaft – als Ausdruck einer soziolinguistischen und pragmatischen Kompetenz betrachtet werden. Dabei geht es um die Fähigkeit, sich innerhalb einer Gruppe angemessen und sinnvoll ausdrücken zu können. Die Grammatik einer Sprache spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Zu 3: Bänz Friedli bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Bewunderung und Kritik am Ethnolekt. Er verbindet den Ethnolekt mit der Jugendsprache. Jugendsprache wiederum steht für Innovation, für das Brechen von Regeln und Erproben von neuen Kommunikationsformen. Bänz Friedli zeigt sich in der Darbietung einerseits solidarisch mit den Jugendlichen, die den Ethnolekt gebrauchen, und kritisiert gleichzeitig die sprachkonservative Haltung der älteren Generation. Indem er aber den Ethnolekt stark überzeichnet, ist auch eine Kritik an dem durch Migration entstehenden Sprachwandel erkennbar.

 

Aufgabe 5: Sprachkompetenz [10']

Welchen der folgenden Aussagen zum Thema Sprachkompetenz stimmen Sie zu?
  1. Wenn ich in einer Sprache einen Komparativ bilden kann (Peter ist grösser als Maria), dann verfüge ich über soziolinguistische Sprachkompetenz.
  2. Wenn ich mit Freundinnen Dialekt, aber mit meinen Dozierenden Standarddeutsch spreche, dann verfüge ich über grammatische Sprachkompetenz.
  3. Wenn ich eine Geschichte der Reihe nach sinnvoll erzählen kann, dann verfüge ich über textgrammatische Sprachkompetenz.
  4. Wenn ich mit einem Unbekannten aus Norddeutschland Dialekt spreche, dann verfüge ich über soziolinguistische Kompetenz.

  1. Diese Aussage ist falsch. Sprachwissen zu allgemeinem Vokabular, Morphologie, Syntax und Phonologie/Graphologie fällt unter grammatische Kompetenz.
  2. Diese Aussage ist ebenfalls falsch. Hier zeigt die Sprecherin eine soziolinguistische Kompetenz. Soziolinguistische Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, unser kommunikatives Repertoire in bestimmten Situationen so zu aktivieren und umzusetzen, dass Kommunikation bei Adressaten zu Erfolg führt. Die soziale Angemessenheit des Sprachgebrauchs variiert von Situation zu Situation und bedingt Sensibilität gegenüber Varietäten und gegenüber Register.
  3. Diese Aussage ist richtig. Textgrammatische Kompetenz bezieht sich auf Wissen, wie man Äusserungen zu Texten verknüpft (mittels Kohäsion, rhetorischer Organisation, logischem Gedankenaufbau). Ein Beispiel dazu ist ein linearer Aufbau einer Geschichte (Zuerst gingen wir nach Zürich, dann nahmen wir den Zug nach Winterthur und anschliessend fuhren wir nach Schaffhausen …)
  4. Diese Aussage trifft nicht zu. Im geschilderten Fall verfügen wir gerade nicht über soziolinguistische Kompetenz, da wir gegen soziale Erwartungen verstossen. Der Verstoss kann natürlich auch gewollt sein.

Aufgabe 1: Code-Switching [15']

Lösen Sie die untenstehende Aufgabe. Als Einstimmung auf die Übung schauen Sie sich zuerst fünf Minuten des Videos Internal and External Language Resources an (für ZHAW-Studierende). Begleitaufgaben zum Video müssen Sie nicht lösen.

Welchen der nachfolgenden Aussagen stimmen Sie zu?

  1. Code-Switching ist ein anderes Wort für Transfer zwischen zwei Sprachen.
  2. Bei Code-Switching ist nicht erkennbar, warum die Sprache gewechselt wird.
  3. Satzinternes Code-Switching bedingt eine höhere Sprachkompetenz als satzexternes Code-Switching.
  4. Als sog. Auslöser (Trigger) gelten Wörter, die einen Sprachwechsel einleiten.

  1. Diese Aussage trifft nicht zu. Bei Transfer handelt es sich um Übertragungen von einer Sprache in eine andere. Bei Code-Switching handelt es sich um schnelle Wechsel zwischen zwei Sprachen.
  2. Diese Aussage trifft nicht zu. Bei Code-Switching ist in der Regel erkennbar, warum eine Sprache gewechselt wird, sei es aufgrund der Sprechpartner oder des Gesprächsanlasses. Wenn nicht erkennbar wird, warum Sprachen gewechselt werden, spricht man auch von Code-Mixing.
  3. Diese Aussage trifft zu. Ein Sprachwechsel innerhalb einer grammatischen Konstruktion in einer Sprache bedingt höhere kognitive Anforderungen an die Sprechenden.
  4. Diese Aussage trifft zu. Ein Auslöser kann ein Wort in der anderen Sprache sein oder ein Wort, welches mit der anderen Sprache assoziiert wird.

Aufgabe 2: Transfer [5']

Welchen der nachfolgenden Aussagen stimmen Sie zu?

  1. Wenn ein Deutschsprachiger, der Englisch lernt, Winter is before the door sagt, dann ist das ein Fall von negativem Transfer.
  2. Bei der Übertragung vom englischen Wort winter in die deutsche Sprache handelt es sich um positiven Transfer.

  1. Diese Aussage stimmt. In diesem Beispiel liegt lexikalische Interferenz aus dem Deutschen vor. Der idiomatische Phraseologismus „Der Winter steht vor der Tür“ wird wörtlich ins Englische übersetzt. Idiomatisch korrekt wäre die englische Wendung „Winter is around the corner“.
  2. Diese Aussage stimmt ebenfalls. Das englische Wort winter ist in Form, Aussprache und Bedeutung praktisch identisch mit dem deutschen Wort Winter.

Aufgabe 1: Zweitspracherwerbshypothesen [10']

Welche Zweitspracherwerbshypothesen könnten besonders gut zu den nachfolgend beschriebenen Szenarien passen?

  1. Claudia ist 12 Jahre alt, lebt in England und lernt Deutsch. Als sie die Zeitformen des Verbs kommen übt, sagt sie kommte anstatt kam.
  2. Peter spricht Deutsch als Erstsprache und lernt neu Spanisch in seiner Freizeit. Er findet es unlogisch, dass es im Spanischen zwei Verben für sein gibt: estar und ser.
  3. Jacqueline ist 21 Jahre alt, kommt aus Frankreich und lernte in der Schule Deutsch. Als sie bei einem Besuch in der Deutschschweiz gefragt wird, ob sie gerne einen Kaffee hätte, antwortet sie: Ich liebe den Kaffee!
  4. Maria (18) stammt aus Rumänien. Sie lernt seit drei Jahren Deutsch in der Schule. Bei einem Besuch in der Schweiz sagt sie, als sie gefragt wird, woher sie kommt: Ich kommen von Rumänien.

  1. Dies ist ein Beispiel zur Erläuterung der Identitätshypothese. Claudia verallgemeinert Regeln ähnlich wie ein Kind, welches seine Erstsprache lernt. Es zeigt ein Regelbewusstsein, welches zu Verbformen führt, welche ein Kind beim Erstspracherwerb so nicht hört. Das Kind greift also auf sein ‘LAD’ zu.
  2. Dieses Beispiel passt zur Erläuterung der Kontrastivhypothese: Peter greift beim Lernen des Spanischen auf seine L1 zu und vergleicht die Grammatik und Lexik des Spanischen mit dem Deutschen. Dadurch findet er es schwierig, sich auf die Eigenheiten der neuen Sprache einzulassen. Peter läuft dadurch die Gefahr, Übertragungsfehler zu machen.
  3. Dies ist ein Beispiel zur Erläuterung der Kontrastivhypothese: Jacqueline überträgt die Struktur des Satzes aus dem Französischen (j’aime le café). Im Deutschen würde der bestimmte Artikel ‘den’ wegfallen (ich liebe Kaffee).
  4. Dies ist ein Beispiel zur Erläuterung der Interlanguage-Hypothese: Maria greift in ihrer Satzkonstruktion weder auf die Erst- noch auf die Zweitsprache zu. Sie verletzt die Subjekt-Verb-Kongruenz, ein Regelverstoss in beiden Sprachen. Auch weist das Beispiel nicht auf inneres Regelbewusstsein hin, welches aktiviert wurde (siehe Verallgemeinerung unter a).

Aufgabe 1: Meine Sprachbiografie

Was ist eine Sprachbiografie?
«Sprachbiografie dient in einem vorwissenschaftlichen Sinne dazu, den Sachverhalt zu bezeichnen, dass Menschen sich in ihrem Verhältnis zur Sprache bzw. zu Sprachen und Sprachvarietäten in einem Entwicklungsprozess befinden, der von sprachrelevanten lebensgeschichtlichen Ereignissen beeinflusst ist» (Tophinke, 2002, 1).

Eine Beschäftigung mit Ihrer Sprachlernbiografie kann «insbesondere auch dazu beitragen, dass Sie selbst sich über Ihre bisherigen Lernerfahrungen klarer werden und für Ihr weiteres Lernen Lernweisen auswählen können, die für Sie persönlich erfolgreich sind» (European Language Council/Conseil Européen pour les Langues, 2002, 2).

Eine Anleitung zum Verfassen Ihrer Sprachbiografie finden Sie zum Beispiel im Kapitel 2.1 der Anregung zur Benutzung der Sprachbiografie des European Language Council/Conseil Européen pour les Langues (2002, 3).

Wenn Sie Studierende der ZHAW sind, können Sie auch auf den ZHAW Survey on your language biography zugreifen. Wenn Sie diese Umfrage ausfüllen, dann können Sie Ihre Ergebnisse mit denjenigen Ihrer Mitstudierenden vergleichen.

Wenn Sie Studierende der ZHAW sind, finden Sie über den nachfolgenden Link den Erfahrungsbericht von Ragib als Beispiel einer Sprachbiografie einer Frau mit Migrationshintergrund (Jung & Günther, 2016, 164–165)

Auftrag a: Erstellen Sie Ihre Sprachbiografie [30']

Verfassen Sie zuerst einen Kurzbericht zu Ihren eigenen Spracherfahrungen. Lesen Sie dazu den Erfahrungsbericht von Ragib (Jung & Günther, 2016, 164–165) aufmerksam durch. Den Erfahrungsbericht finden Studierende der ZHAW hier. Vergleichen Sie Ragibs Erfahrungen mit Ihren eigenen Spracherfahrungen. Halten Sie fest, inwiefern sich Ihre Sprachbiografie von derjenigen Ragibs unterscheidet. Beziehen Sie auch Konzepte der Vorlesung und Lektüre zum Thema «Mit Sprache unterwegs: Mehrsprachigkeit» ein.

Auftrag b: Austausch mit Mitstudierenden zur eigenen Sprachbiografie [30']

Tauschen Sie sich mit anderen in einem zweiten Schritt zu Ihren Spracherfahrungsberichten aus. Sehen Sie bestimmte Gemeinsamkeiten, Unterschiede? Beschreiben Sie diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Fachbegriffen aus dem Buch. Arbeiten Sie gemeinsam prägende Erfahrungen heraus, die zur Entscheidung beigetragen haben, einen Sprachberuf zu ergreifen. Halten Sie Ihre Diskussion und die Ergebnisse in einem Reflexionstext fest.

Leseauftrag [120']
Lesen Sie das Überblickskapitel «Aspekte der Mehrsprachigkeit. Formen, Vorteile, Bedeutung» von Claudia-Maria Riehl (Riehl, 2006) und überlegen Sie sich, in welchen Punkten dieser Beitrag das Kapitel zur Mehrsprachigkeit im Buch hier thematisch erweitert und vertieft und worin sich die beiden Texte unterscheiden. Für Studierende der ZHAW ist der Text hier verfügbar.

Aufgabe 1: Kommunikationssituationen und ihre Lekte [15']

Wie wir miteinander kommunizieren, hängt von aussersprachlichen Faktoren ab. Benennen Sie die Faktoren, die bei den folgenden Kommunikationssituationen gegeben sind (sprachliche und aussersprachliche Faktoren, z.B. Alter, Geschlecht, Region, soziale Schicht, Beruf etc.) und welche Funktiolekte mit den in diesen Situationen produzierten Äusserungen untersucht werden könnten.

  1. Ein männlicher Teenager schreibt einer Klassenkameradin eine Kurznachricht über Whatsapp.
  2. Eine Grossmutter gibt ihrem Enkel Nachhilfe.
  3. Ein Klavierlehrer unterrichtet eine Frau Mitte dreissig.
  4. Der Tennisspieler Roger Federer ruft seinen Tenniskollegen, Rafael Nadal über sein privates Mobiltelefon an, um mit ihm über das anstehende Benefizspiel zu sprechen.

  1. Faktoren:
    Alter: Jugendliche
    Region: nicht spezifiziert
    Soziale Schicht: nicht spezifiziert; Beruf: Schüler, Geschlecht: gemischt
    Medium: geschrieben.
    Analysierbar für die Varietäten Jugendsprache, Schülersprache (Soziolekt); analysierbar für den Funktiolekt Kurznachrichtenkommunikation (Chat-Sprache), besonders unter Jugendlichen.
  2. Faktoren:
    Alter: gemischt Senior und Kind oder jugendliche Person
    Region: nicht spezifiziert
    Soziale Schicht: nicht spezifiziert, Beruf: nicht spezifiziert und ein Schulkind, Geschlecht: nicht spezifiziert
    Medium: gesprochen
    Analysierbar für die Varietäten (Gross-)Elternsprache, Familiensprache; analysierbar für den Funktiolekt Unterricht bzw. Nachhilfe.
  3. Faktoren:
    Alter: Erwachsene
    Region: nicht spezifiziert
    Soziale Schicht: nicht spezifiziert; Beruf: Musiklehrer und nicht spezifiziert, Geschlecht: gemischt
    Medium: gesprochen.
    Analysierbar für die Varietäten Erwachsenensprache und Unterrichtssprache; analysierbar für den Funktiolekt Unterrichtssprache, besonders in der Erwachsenenbildung sowie der Fachsprache von Musiker*innen.
  4. Faktoren:
    Alter: Erwachsene
    Region: Basel und Mallorca (Spanien)
    Soziale Schicht: Oberschicht; Beruf: Sportler, Geschlecht: männlich
    Medium: gesprochen.
    Analysierbar für die Varietäten Sportsprache, Englisch als Zweitsprache von beiden Sprechern, analysierbar für den Funktiolekt Fachsprache.

 

Aufgabe 2: Wie sich Varietäten voneinander unterscheiden [10']

Die verschiedenen Varietäten haben spezifische linguistische Merkmale, die es erlauben, diese zu erkennen bzw. voneinander zu unterscheiden. Um welche Varietäten handelt es sich in den folgenden drei Beispielen?

Begründen Sie Ihre Antwort.

  1. Triglyceride setzen sich aus einem Glycerin und drei Fettsäuren zusammen. Über die am Ende einer jeden Fettsäure befindliche Carboxylgruppe (-COOH) ist die Fettsäure durch eine sogenannte Erstverbindung mit dem Glycerin verbunden.
  2. A: «Verstehst du Text, Alter?»B: «Klar Alter, Bruder, ist doch leicht: Typ geht so Wasser und ist tot. Seine Alte is traurig.»A: «Aber wieso geht er denn Wasser? Hast du Essen?»B: «Nee, aber ich gehe dann Döner.»
  3. A Bsuach machd zwoimol Freud: Wennr kommd ond wennr widdr gohd.

  1. Funktiolekt/Fachsprache: charakterisiert durch Fachbegriffe und Verwendung von (chemischen) Zeichen (-COOH).
  2. Soziolekt/Jugendsprache: charakterisiert durch Nominalphrasen („ich gehe Döner“), die Verwendung von „Alter/Bruder“ als Anredeform, Verwendung spezifischer Ausdrücke, z.B. „Alte“ für „Frau/Freundin/Partnerin“, „so“ als Fokuspartikel.
  3. Dialekt/Schwäbisch: z.B. auf Lautebene: Standarddeutscher Diphthong [ai] wird zu [oi], Diphthongierung von Standarddeutsch [u] zu [ua]: Bsuach; Laute wie –t werden weich ausgesprochen –d (Lenisierung).

Die verschiedenen Beispiele weisen also besondere lektale Merkmale auf, die sich gezielt auf bestimmte Lekte beziehen lassen (Dialekt, Funktiolekt oder Soziolekt). In der Regel verfügt ein Sprecher jedoch über eine Bandbreite an Lekten, die er oder sie in Abhängigkeit von Kontext, Situation und Adressat*in jeweils anpasst. Die individuelle Sprache eines Menschen mit all seinen charakteristischen Eigenschaften in Bezug auf Wortschatz, Sprachverhalten, Ausdrucksweise, Aussprache, etc. wird mit dem Begriff Idiolekt bezeichnet. Der Begriff stammt ebenfalls vom Griechischen ab (altgriechisch ἴδιος ídios ‚eigentümlich, eigen').

 

Aufgabe 3: Dialekt und Identität [20']

Dialekt ist nicht gleich Dialekt. Lesen Sie das Interview mit Eckard Frahm mit dem Titel „Warum sprechen wir Dialekt?“ und reflektieren Sie über die Bedeutung vom Dialektgebrauch für seine Sprecher und den Dialekt an sich. Beantworten Sie im Anschluss die folgenden Fragen:

  1. Welche Funktion weist der Autor den Dialekten zu?
  2. Teilen Sie die Einschätzung Frahms zu den Dialekten in Deutschland? Vergleichen Sie den Dialektgebrauch in der Schweiz mit dem in Deutschland.